Frommer Schutzzaun

Di 07.02.2023

Mk 7:1-13 Die Pharisäer belehren Jesus über religiöses Verhalten

Es gelingt mir nicht recht, die Geschichte selbst in unsere Zeit zu übertragen. Vielleicht ein Aspekt, ich nenne ihn am Ende.

Also suche ich das Analogen aus den Herzen der Schriftgelehrten. Die erfüllen offenbar lieber mehr Satzungen und Ordnungen als die eigentliche Ordnung Gottes.

Man könnte vordergründig denken, es ginge ihnen um ihre Macht. Wer die Ordnungen verwaltet, hat die Deutungshoheit über die Person, hat den Maßstab in seinen Händen, an denen er andere mißt.

Mir scheint es aber einen tieferen Grund zu geben.

Wenn ich vor etwas große Angst habe, dann vermeide ich dies. Die Vermeidung kann auch ein Ritual sein. Offensichtlich ist das z. B. bei zwanghaften Menschen. Solange sie ihr Ritual einhalten, spüren sie die Angst nicht.

Heute auch sichtbar z. B. beim Benutzen von Masken. Sie schützt mich vor dem Gefühl der Unsicherheit.

Angst führt zu Ersatzhandlungen, die sich bergend zwischen mich und dem Objekt der Angst fügen.

Die Urangst des Menschen ist die Angst vor Gott. Auch wenn viele das nicht mehr spüren, weil ihre Ersatzhandlungen perfekt sind.

Dagegen steckt in uns allen zugleich die Verwandtschaft mit Gott, die Ursehnsucht nach Heimat, nach dem Vater.

Also richte ich es mir so ein, dass ich das Gefühl habe, ich wäre irgendwie in Seiner Nähe oder ich wäre doch irgendwie „richtig“ ohne ihn wirklich in der Nähe zu haben.

Die fromme Variante ist z. B. in die Kirche zu gehen, Lobpreislieder zu singen oder an vielen Stellen Gott im Gebet um Hilfe zu bitten. Eine starke Form des Verbergens vor Gott ist es auch Pastor oder Mönch zu werden.

Ich kritisiere dies nicht! Sondern ich frage: Wie nah ist mir Gott als Er selbst? Wie sehr ist mein Gott doch eigentlich „mein“ Gotteskonstrukt?

Man kann Gott nicht sehen, ohne zu sterben. Das wußte Israel ganz genau. Das hat auch Johannes, der überaus heilige Johannes, erlebt. Er schreibt in Offenbarung 1:17, dass er wie tot zu Füßen Jesu gefallen ist.

Machen wir uns nichts vor: Die Nähe Gottes, Seine Heiligkeit, steht in unmittelbarer Konkurrenz zu uns als Selbst-Lebende. Wir wissen: In Seiner Nähe bin ich nicht mehr der selbstsichere, autonome Mensch. Ich bin als selbst tot.

Das Geheimnis, dass nach dem Tod – erst nach dem Tod – das eigentliche Leben beginnt, ist nur dem Glauben erkennbar. Das „Ich“ hat Todesangst.

So betäubt das Ich seinen Träger mit Genus und Spaß, mit Frömmigkeit und guten Werken. Hauptsache, es bleibt es selbst.

Gott wartet geduldig am Rand des Todes. Er wartet, ob wir Seiner Offenbarung trauen, die an Jesus Christus deutlich wird. Nämlich dass Er uns nicht im Tod lässt, wenn wir uns auf Ihn einlassen.

Der erste Schritt des Sterbens ist der Gehorsam. Im Gehorsam lerne ich Vertrauen. Und wunderbarer Weise erlebe ich auch dort schon Auferstehung – ich bezeuge es!

In meiner Praxis ist es ein stückweises Sterben, ein Lernen zu sterben. Denn, wenn Gott unseren Tod wollte und sonst nichts, hätte er in Jesus nicht so viel geheilt.

Er will unsere Zustimmung. Er fragt: Siehst du nicht, wer ich bin? Dein Vater.

Jetzt noch kurz der Aspekt der Übertragung der Geschichte im Evangelium auf heute. Was ist es eigentlich Gott zu loben? Worte? Lieder?

Ein Akt des Gehorsams ist mehr als aller Lobpreis in Liedern. Und wie schnell suggerieren uns Lieder eine Nähe zu Gott. Und verbergen uns damit vor dem eigentlichen, verbrennenden Feuer Gottes.

Noch ein seelsorgerlicher Hinweis: Dies ist kein Aufruf zur Selbstverdammung. Wie im Einzelne zu handeln ist, dafür braucht jeder einen Menschen an der Seite (Beichtvater, geistlichen Begleiter). Aber wollen muss ich es selbst.

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