Di 21.03.2023
Joh 5:1-16 Jesus heilt den seit 38 Jahren kranken Mann.
Ein Wort zuvor. Meine Abdachungen sind Betrachtungen. Es sind keine Auslegungen und ich versuche nicht die Dinge zu begreifen. Ich möchte die Wahrheit betrachten und schauen, was sich zeigt. Es kann vorkommen, dass Erfahrungen oder Erkenntnisse einfließen – das ist aber nicht das Wesentliche.
Heute geht es wieder um Johannes. Wie kann ich anders als betrachtend damit umgehen – denn ich „Begreife“ es nicht (Begreifen soll heißen: Ich fasse es, wie ich einen Gegenstand fassen (greifen) kann).
So lange schon
Der Mann lag dort 38 Jahre.
Ein Leben in einem bestimmten Kontext. Umgeben von Heilsuchenden, von denen immer einmal wieder jemand heil wird – er aber nicht.
Fünf Hallen voller Kranker, Blinder, Lahmer, Verdorrter – wartend auf ein Wunder.
Wenn ich zu unserem Krankenhaus komme, ist es, als wenn ich in eine andere Welt komme. Im Krankenhaus geht es fast nur um Krankheit, Schmerz, Hoffnung und Angst. Eine ganz eigene Welt. Wie wäre es, 38 Jahre in einem Krankenhaus zu leben, gar zu liegen?
Wie kann ich nach 38 Jahren noch auf Heilung hoffen? Ist Krankheit nicht mein Leben? Erst in der Heilung würde die Krankheit das schon immer falsche sein. Kann ich 38 Jahre leben und mein Leben für falsch halten?
Jesus fragt ihn: „Willst du gesund werden?“
Und sein Frust sprudelt aus ihm heraus. Sein so langes Hoffen, rechtzeitig am Teich zu sein. Seine abgrundtiefe Verlassenheit („ich habe keinen Menschen“). Und: Immer ist ein anderer vor ihm, denn er ist immer zu langsam.
Voller Erbarmen sieht Jesus in ihm, hinter all dem Leid, doch auch immer noch den Wunsch, dass es nicht so bleibt.
Menschlich kaum vorstellbar.
Glaube ich das Wandel möglich ist?
Wenn ich es also mit jemandem zu tun habe, der schon immer so oder so ist, seid Jahrzehnten erleben ich ihn so – wage ich es, hinter dem Vordergründigen das schier unmögliche zu vermuten: Er will ein anderer sein.
Gerade in der Beratung, aber auch sonst, geschieht es meist, das gesagt wird: „Der ist eben so und so (z. B. der Ehepartner, der Vater). Da kann man nichts machen. Ein seelischer Krüppel“. Vielleicht halten wir uns nun fern oder lassen uns nicht mehr auf ihn ein.
Und so lebt er Jahrzehnte allein auf seiner Liege.
Vielleicht ist er gemieden von allen, sodass niemand da ist, wenn die Hoffnung auf Heilung in ihm aufwallt. Vielleicht jemand, der beruflich immer wieder scheitert, vielleicht jemand, der nicht von seinen Süchten loskommt, vielleicht sogar jemand mit narzisstischen Zügen oder einem Jähzorn.
Verantwortung und Schuld
Jesus erbarmt sich – aber: Er entlässt ihn nicht aus seiner Verantwortung. Zum einen muss er sein Tragebett nehmen – aber viel mehr noch sagt Er das Wort, das wir nicht hören wollen:
„Siehe zu, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, daß dir nicht etwas Ärgeres widerfahre.“
Barmherzigkeit kann sogar in größere Verantwortung führen.
Viele Menschen, die meisten, so scheint mir, sind lieber bedürftig als verantwortlich.
Wer will ärger mit den Führern des Volkes? Wer will seine Bequemlichkeit in ein Leben des Tragens und Ertragen tauschen?
Der Mann eilt in den Tempel – dort trifft man ihn. Und er verkündet Jesus, nachdem er Ihn erkannt hat.
Nicht mehr gelähmt zu sein, die ganze Last eines verantwortlichen Lebens zu führen ist kaum zu ertragen – außer man hat ein wofür – genauer: für wen.
Es geht also nicht darum, zwischendurch mal wieder gelähmt zu sein, um sich von all dem zu erholen. Sondern hindurchzudringen in die Herrlichkeit eines Lebens in der Beziehung zu Christus und als Zeuge für Ihn.