Einsam, verlassen – verloren?

So 02.04.2023 Palmsonntag

Mt 26:14-75 und 27:1-66 Die ganze Passionsgeschichte nach Matthäus

In meiner Kirche wird heute die gesamte Passionsgeschichte gelesen. Gestern Abend habe ich den gelesenen Text von Pastor Fritz May auf Evangelium Tag für Tag gehört – 24 Minuten war es lang.

https://www.evangeliumtagfuertag.org/DE/gospel

(auch als App).

Ein überaus überwältigender Text, der mich verloren, klein zurücklässt. In seinem Umfang und seiner Bedeutung bin ich still und schaue, was er mit mir macht.

Ich habe eine Zeit viel mit Katastrophen zu tun gehabt (KIT Arbeit). Dort habe ich ein wenig erfahren, dass wir Menschen in unerträglichen Situation entweder ausweichen oder etwas lösen oder helfen wollen.

Aber das ist nicht angemessen.

Stille dabei sein und schweigen ist angemessen.

Was erreicht mein Herz, wenn ich auf das achte, was sich in ihm verändert, wenn ich den Text höre?

Da sind vor allem die Worte, die ich in der Überschrift nenne.

Jesus war im Grunde Sein ganzes Erdenleben einsam. Denn niemand hat Ihn in der Tiefe verstanden. Zwar gab es die Gemeinschaft mit dem Vater – aber Er war ja nicht als Besucher oder Tourist auf Erden. Sondern um derer willen, die nun Ihn nicht erkannten (außer vielleicht einigen Frauen, wie die drei Marien).

Nun kommt die Verlassenheit hinzu. Das, was an Wirksamkeit da war, ist zu Ende gegangen. Das, was an Verstehen da war, schlug in Feindschaft um (in der Breite). Auch Seine Jünger sind Seinen Weg nicht mitgegangen. Schon in Gethsemane nicht, selbst die drei, die auf dem Berg der Verklärung alles gesehen hatten, sind eingeschlafen. Und einer sogar schickt Ihn mit dem Bruderkuss in den Abgrund des völligen Missverstehens.

Verlassenheit ist sozusagen der Gradient der Einsamkeit. Die Dynamik in die Tiefe hinein.

Da wir Menschen, Gemeinsamkeit mit Gott, substanziell bezogene Wesen sind, ist dies der Weg des Sterbens.

Als Gott Adam ankündigte, dass ein Ausschlagen der Liebe Gottes zum Sterben führen würde, war es undenkbar, wie die Liebe Gottes und Seine Gerechtigkeit je wieder zusammenfinden könnten.

Sterben ist auch für uns Menschen das Tor der unendlichen Verlassenheit. Jeder geht diesen Weg vollkommen allein.

Aber nur Sterben und Auferstehen kann die Liebe Gottes und Seine Gerechtigkeit verbinden.

Haben wir Menschen Gott, den Lebenden, nicht vertraut – vielleicht vertrauen wir Gott, dem Sterbenden. Er geht in meine Einsamkeit. So ahne ich: Den Weg aus dem Leben hinaus, gehe ich nicht wirklich allein. Gott selbst ist ihn vor mir gegangen.

Gott wird mich auch im Sterben nicht verlassen, denn Er ist diesen Weg schon gegangen – obwohl Er Gott ist.

Das ist dies, was für meine Seele zu groß ist. Dort bleibt nur fassungsloser Glaube übrig.

Gott nimmt mir nicht die Einsamkeit und die Verlassenheit – aber die Verlorenheit.

Denn Verlorenheit ist der Blick auf die Verlassenheit von einem anderen her. Christus hat mich nicht verloren – auch wenn er sich verbirgt. Auch wenn ich Ihn nicht habe – Er hat mich.

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt – so sagt Hiob in all seiner Verlassenheit. Ich kann meinem Selbstverlust nicht entfliehen – aber damit bin ich nicht verloren.

Der Weg in solches Erleben kann wohl aufgeschoben werden – aber nicht aufgehoben, vermieden oder „gelöst“ werden. Das ist ja unser Impuls.

In gewisser Weise empfinde ich es als eine Befreiung von der Krankheit am Leben zu klammern. Das verbraucht so viel Kraft.

Ich lebe gern – aber noch lieber lasse ich mich durch Jesus Christus von mir selbst befreien, von meinem eigenen Festhalten hin zum gehalten werden.

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