Mi 06.09.2023
Lk 4:38-44 Jesus im Hause des Petrus
Im heutigen Abschnitt ist viel von Heilung die Rede. Ich wäre dem Thema gern ausgewichen, denn es ist in mir mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden. In etwa wie das Thema der Wiederkunft Jesu.
Meine ersten Jahre nach meiner Begegnung mit Jesus Christus fanden im charismatischen Umfeld statt.
Und meine erste Verunsicherung hatte damit zu tun, dass ich fragte: Warum werden bei Jesus alle gesund, und bei uns nur manche, ja immer weniger?
Es führte letztlich zum Ausschluss aus der Gemeinde.
Seitdem ist das Thema Heilung wie ein Blick in die Ferne, zwar immer noch romantisch schön, aber von Schmerz und Ohnmacht überlagert, so, dass ich es meide.
Und nun heute das „Schau hin“ Gottes.
Heilung zur Arbeit
Die Schwiegermutter wird nicht durch Handauflegen geheilt, sondern durch Nähe und ein Wort Jesu. Vielleicht weil Sabbat ist, und die Sonne noch nicht untergegangen ist (wie bei den vielen Heilungen am Abend).
Sie wird geheilt und sofort arbeitet sie für Jesus und die Jünger.
Der Sinn der Erlösung ist nicht das Wohlbefinden, sondern das eingesetzt werden in die „Arbeit“. Arbeit ohne die bei uns häufig negative Konnotation.
Sinnvolle Arbeit, rechter Dienst IST der Himmel.
Nähe
Heilung geschieht immer in physischer Nähe. Die beiden Ausnahmen, die mir einfallen (der Hauptmann und die Mutter in Syrien) habe die Nähe des Bittenden, sie sind auch nahe.
Nahe ist mehr als nur räumlich und zeitlich. Es ist eine innere Verbundenheit, ein „im gleichen Boot sitzen“.
Jesus sitzt so sehr mit uns in einem Boot, dass unser Schicksal mehr zu Seinem wird als zu unserem.
Denn unser Schicksal, besser unser Leben, ist Sünde, Leid und Tod.
Du nimmst es auf Dich – sodass wir in gewisser Weise weniger unser eigenes Leben erleiden als Du.
Mir scheint, Jesus hat das Fieber der Schwiegermutter auf sich genommen.
Und die Folgen in Gethsemane „ausgebadet“.
Charisma oder Wesen
Als ich erfahren habe, dass charismatische Gaben keineswegs von besonders heiligen Menschen vollzogen werden, war ich überrascht und verwundert.
Ja, die Charismen selbst können Werkzeug des Missbrauchs sein. Charismatiker als Verführte und Verführer.
Charisma (χάρις charis Gabe, Geschenk) ist etwas, was zu dem Vorhandenen hinzukommt. Ähnlich einer Eigenschaft, die keine Beschreibung des Wesens einer Person ist.
In gewisser Weise wie Schönheit oder Musikalität.
Im christlichen allerdings meist als spätere Gabe verstanden, die nicht von Geburt an da war.
War es bei Jesus ein Charisma?
Jesus IST das Wort. Das Wort (der Logos) ist biblisch das, was aus dem Chaos den Kosmos macht. Das Ordnung und Sinn stiftende selbst.
Es ist keine Eigenschaft – es ist die Person.
Jesus heilt nicht in dem Sinne der Ausübung einer Gabe, sondern des Vollzuges Seines Wesens, Seins Seins.
Übertragung
In dem Wort steckt das tragen. Jesus schaltet nicht das Leid aus – Er übernimmt es. Er trägt es.
Das ist etwas, dass auch mir als Mensch möglich ist, ja zu meinem Wesen gehört. Bekannt schon in den Übertragungsfunktionen der Psychoanalyse.
In jüngster Vergangenheit habe ich es sehr deutlich in einem Klientengespräch erlebt. Die Wirklichkeit des Leides des Menschen gegenüber traf mich so, dass ich mir der Atem stockte. Ich spürte das Leid – in dem Moment vielleicht mehr als mein Gegenüber.
Und genau das ist es, was heilt.
Denn in dem werde ich Jesus ähnlich, werde ich dem trinitarischen Gott ähnlich.
Vielleicht ist es nicht genau eine Übertragung, sondern eine Aufnahme des Joches als gemeinsames Joch.
Denn Du, Du trägst das Joch jedes Menschen und suchst nun Menschen, die es mit Dir tragen. Denn Dein Joch ist immer das Leid der Menschen.
Vielleicht geht es darum, Heilung nicht charismatisch zu vollziehen, sondern existenziell.