Sa 14.10.2023
Lk 11:27-28 Eine Frau aus dem Volk ehrt Maria.
Maria, ein Ärgernis für Menschen und Philosophen.
Die Frau preist die Frau glückselig, deren Leib Jesus getragen hat. In der Lutherübersetzung wird Jesu mit einem „aber“ eingeleitet. „Er aber sprach“.
Jesus sagt dann das Wort:
μενοῦν men-oûn vielmehr;
aus μέν mén zwar + οὖν oûn daher (+ γέ gé wenigstens, doch).
Es ist keine Verneinung, sondern eine Fortführung.
Im folgenden Vers sagt er dort, wo man erwarten würde, dass es um das Gehorchen des Wortes geht, das Wort „bewahren“.
Ein analoges Wort zur Schwangerschaft, zur Mutterschaft.
Viele Menschen haben ein Problem mit Maria. Ich verstehe sie gut, denn auch für mich war Maria den größten Teil meines Lebens entweder unwichtig oder sogar etwas störend.
Heute bin ich dankbar, ihr nahe gekommen zu sein. Wenn es auch immer noch eine scheue Nähe ist.
Der konkrete Jesus
Die Menschen aus dem Heimatdorf Jesu kannten Ihn und sie kannten Maria. All das kannten sie ganz menschlich. Einer wie wir, mit einer Mutter, wie jeder sie hat. Warum sollte Er etwas Besonderes sein?
Maria verbindet Jesus mit einer geradezu peinlichen Menschlichkeit.
Der Sohn Gottes saugt an Brüsten einer Frau – hm.
Dem Sohn Gottes wird der Kot abgewischt und Er wird gewindelt.
Er spielt im Staub und wird von Maria gewaschen.
Das soll ein Gott – ja der Gott sein?
Das ist nicht der Gott der Philosophen. Nicht „unser“ Gott im Sinne von einem Gott den wir uns machen würden.
Der donnernde Gott vom Horeb ist irgendwie „besser“. In der nötigen Distanz, die ein Gott doch haben sollte. Der Gott, den Jesaja in seiner Berufungsgeschichte beschreibt, ist uns in Seiner fernen Heiligkeit lieber als das Kind aus Nazareth.
Auch ein kranker Mann am Kreuz, einer, der nicht schön anzusehen war. Sollte der Gott sein?
“Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.”
(Jesaja 53:3-4)
Israel konnte Ihn nicht erkennen, sie erwarteten einen strahlenden Messias. Keinen mit einer „buckligen Verwandtschaft“ aus einem Provinzdorf im heidnischen Galiläa.
Was ist das Wort, das wir bewahren sollen?
Es ist nicht die Bibel.
Sondern der Logos ist Jesus. Dieser Jesus.
Der, den ich nicht „auslegen“ kann, wie es mir gefällt.
Der, der auch nicht ohne den Geist Gottes erkannt werden kann (wie Maria zeigt: „der Hl. Geist wird über dich kommen“ (Lk 1:34). Nicht: die Thora wird über dich kommen.
Maria kannte die Verheißungen der Schrift sehr gut. Es ist der Nährboden für den Geist. Ich brauche die Bibel – aber sie genügt nicht.
Und die Philosophie?
Sie kann und soll das geoffenbarte aufnehmen und betrachten. Sie erhält das Material ihres Bedenkens. Es ist ein Nach-denken im Sinne von hinterher- (nach) denken.
Bevor ich eine Sprache sprechen kann, brauche ich die Worte, aus der sie besteht.
Eine Philosophie, die Gott konstruiert, ist dann ja größer als Gott und damit selbst Gott.
Die vielleicht besten Kenner der deutschen Sprache waren die Brüder Grimm. Das Grimmsche Wörterbuch hat auf über 32.000 Seiten, wie kein anderes Werk, die deutsche Sprache erforscht und beschrieben.
Wirksam wurden sie aber in ihren Märchensammlungen. Sie habe dem Volk aufs Maul geschaut und die Sprache wurde zu den Noten des wirklichen Lebens.
Man kann Deutsch nicht anhand des Grimm’schen Wörterbuches lernen.
Aber recht gut anhand der Märchen.
Manch einem scheinen die Märchen als überholt und kindisch.
Aber sie enthalten mehr Wirklichkeit und Leben als das, was heute aus den Universitäten kommt.
So wage ich zu sagen: Die Bibel ist kein Wörterbuch, sondern eher ein Märchenbuch in diesem tiefsten Sinn.
Sie führt uns näher an das reale Leben, an den lebendigen Gott, als jedes Theologiebuch.
Die kirchliche Dogmatik von Karl Barth (13 Bände, über 10.000 Seiten) – wen führt sie in eine Beziehung zum lebendigen Gott? (Gewiss wird das auch vorkommen – ich kritisiere dieses Werk nicht).
Was ich aus der Offenbarung empfangen habe
Was hast Du mir über alle Religion, Philosophie und Psychologie hinaus von Dir gezeigt?
- Du bist nahe. So nahe, wie Jesus Maria ist. Maria ist ein Mensch wie ich – und Du redest davon, dass ich Dir ebenso nahe kommen soll wie sie. Wunderbar.
- Du gibst Dich ganz. Ich sehe am Kreuz, dass es nicht um ein besseres Leben geht. Sondern um Ganzhingabe. Nicht ein Lehrbuch hast Du uns gegeben, sondern Dein Leben.
- Du willst Bruderschaft. So, wie Du sie in der Familie hattest. Es gibt keinen Himmel für Dich und mich – sondern nur eine Himmel mit meinem Bruder und Dir.
Wie immer, es ist nur ein kleiner Lichtschein durch einen Türschlitz.