Di 12.03.2024 Fastenzeit
Joh 5:1-16 Jesus heilt den Gelähmten am Teich Bethesda
Das Thema Sünde und das Thema Sabbat berühren mich.
Sünde
„Sündige hinfort nicht mehr, auf dass dir nicht schlimmeres widerfahre.“
Puh. Können wir „hinfort nicht mehr sündigen“ wirklich einhalten? Ist das nicht unmöglich?
Wenn etwas „unmöglich“ erscheint, liegt es oft an der unbewussten Deutung von Begriffen.
Was ist „Sünde“?
Geht es um das Einhalten der Gebote?
Das vielleicht wichtigste Gebot der Juden ist das Schabbat-Gebot. Und just in diesem Moment ignoriert Jesu dies und fordert den Geheilten ebenso zu etwas auf, was nach der Deutung der Schriftgelehrten „Sünde“ ist.
Sünde ist im Griechischen:
ἁμαρτάνω ha-martáno sündigen; nicht das Ziel erreichen.
Ich nenne zwei Wege das Ziel nicht zu erreichen:
Das eine ist das Verfehlen des Zieles.
Das Andere ist das sitzen bleiben und einfach garnicht am Ziel ankommen.
Dies scheint mir hier der Fall zu sein.
Der Mann bleibt liegen.
Er sagt Jesus, niemand würde ihm zum Teich tragen.
Und auch Jesus macht es nicht!
Der Mann denkt an eine bestimmte Form von Hilfe.
Jesus aber fordert ihn zum Aufstehen auf.
Nimm deine Bahre und geh.
Also Aufstehen, aufheben, gehen.
Es erinnert mich an: „… der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach …“
Als ich in Israel meinte, nicht aufstehen zu können, weil mein Knie sehr schmerzte, war die Antwort Jesu nicht die Wegnahme des Schmerzes.
Sondern: Steh auf und geh den nächsten Schritt.
Und es „ging“ (im wörtlichen Sinn).
Ich sage nicht, dass dies immer so ist – aber auf dem geistigen Weg ist es ein zentrales Thema.
Steh auf, nimm den Ort deiner Bequemlichkeit und geh.
Kein Ort der Rückkehr.
Nicht: Geh mal ne Runde und leg dich dann wieder hin.
Gelähmt
Eine Lähmung kann eine Schwäche sein.
Es kann aber auch ein gleichzeitiges Wollen und nicht-Wollen sein.
Jemand, der etwas tun will, dann aber zögert, weil er Vorbehalte hat. Und zugleich doch wieder will und so immer schneller hin- und her-schwankt.
In der Psychologie gibt es das Konzept des „Freeze“ aus der „Fight, Flight, Freeze“-Reaktion.
Im religiösen Kontext sehe ich dies in einem zögern ob einer vermuteten Sünde und zugleich einem Wunsch ein lebendiges Leben zu führen.
38 Jahre ohne „Fortschritt“
Fortschritt passt sehr zu dem hier als Gegenstück benannten Bleiben auf der Bahre.
Wie viele Christen gibt es, die 38 Jahre keinen Fortschritt in ihrem Weg mit Gott gemacht haben.
Und die Schuld woanders suchen.
Bei der Kirche, dem Zeitgeist, dem eigenen „ich kann nicht“. Oder beim Lebenspartner oder der Lebenssituation allgemein.
Hebräisch gedacht
Das praxisnahe hebräische Denken hilft mir:
Sünde „חֵטְא“ (chēṭ’) ist auch dort das Abweichen vom Weg Gottes.
Aber die Sünde beinhaltet nicht nur die Tat selbst, sondern auch die Abkehr von einer Beziehung zu Gott und die Notwendigkeit der Umkehr (Teschuva), um die Beziehung wiederherzustellen. Die Wurzel ist Shuv
שוב (Shuv):
Antwort. Mit seinen Ableitungen: Reue und Rückkehr.
Antworten! Dem Lebendigen antworten.
Es geht also weniger darum, keinen Fehler zu machen, als vielmehr darum, ein Rückkehrer zu sein. Zur Treue Gottes zurückkehren.
Und das ist sehr praktisch:
Der Gelähmte geht auf dem Weg der Beziehung zu Gott, indem er Jesus gehorcht und – am Sabbat – aufsteht und seine Liege nimmt.
Er bricht das formale Gebot in der Ausführung der Beziehung! Des vertrauenden Gehorsams.
Denn das Gesetz Gottes ist nicht gegen das Leben – sondern für das Leben.
Es ist nicht einer Mauer, sondern ein Festplatz.
Ich habe es am Sabbat in der Synagoge erlebt.
Es war ein fröhliches, ja fast wildes Fest.
Der Tanz mit der Thora ist die Freude am Gesetz (besonders am Fest der Thora-Freude selbst).
Später gern auch weiter und mehr zum Thema Schabbat.
Für heute aber: Steh auf.