Fr 13.09.2024
Lk 6:39-42 Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge
Nicht über dem Meister
Scheinbar ohne rechten Zusammenhang kommt in diesem Text vor, dass der Schüler nicht über seinem Meister steht.
Außerdem scheint das im Blick auf Jesus, ganz Mensch und ganz Gott, so selbstverständlich, dass ich vermute es bedeutet mehr. Ich nenne später einen Gedanken dazu.
Wie lerne ich denn sehen?
Sich selbst im Lichte Jesu betrachten lassen ist der Anfang. Aber es geht darüber hinaus. Dinge entstehen durch Vollzug des Wesens. Wie bei einem Muskel.
Was ist das Wesen des Auges (gemeint ist das Auge des Herzens)?
Es ist: nicht sich selbst zu sehen, sondern zu sehen, was sich von woanders her zeigt.
Wie sehe ich bisher?
Ungereinigt zeigt sich mir die Welt durch das Kaleidoskop der Splitter in meinem Herzensauge. Beim Auge ist klar, dass es sich nicht selbst sieht und dafür nicht gemacht ist.
Mein Herz aber sorgt sich immerzu um sich selbst – und so entstehen diese „Balken“, von denen Jesus redet. Vor lauter Selbstbezug sehe ich die Welt nicht, wie sie ist. Sondern als Projektion auf eine zerknitterte Leinwand.
Fang an den anderen zu suchen
Ich will mehr den anderen sehen. Das Herz reinigt sich, indem ich auf andere schaue. Eben so wie bei einem Muskel. Die sachgerechte Belastung ist das Beste, was ihm passieren kann.
Ich verweile zunächst bei ihm, dem Bruder, dem Menschen, dem ich bisher distanziert gegenüberstand. Ich verweise auf die Andacht von gestern!
Gleichgültigkeit ist Feindschaft.
Ich gebe das Beste, was ich habe: Zeit und Aufmerksamkeit.
Wer ist der andere von ihm her gesehen? Nicht aus meiner Perspektive – sondern in seinen Schuhen stehend.
Verantwortung
Gott wird mich am Ende nicht fragen, ob ich an Ihn geglaubt habe. Sondern Er wird mir zeigen, wie ich in meinem Leben mit dem Anderen, der in meiner Nähe war, umgegangen bin.
Er fragt weniger, ob ich diesem Böses tat – sondern ob ich meine Verantwortung für ihn wahrgenommen habe. Siehe das Weltgericht in Mt. 25. Was du dem Anderen, der es brauchte, getan hast, hast du mir getan. Mehr noch: Was du ihm nicht getan hast, hast du mir nicht getan.
Dazu muss ich den Anderen erst einmal in dem seinen erkennen und nicht nur „nicht böse“ mit ihm umgehen. Sondern so genau wie möglich dem entsprechen, was meine Verantwortung für ihn ist.
Wie viele gut meinende Menschen stülpen anderen eine Hilfe über, die den anderen entwürdigt, weil sie ihn zu einem bloßen Empfänger macht.
Bleiben
Wenn meine Begegnung ohne Eigennutz ist, wird der Andere meine Hand nehmen und mich in die Tiefen seines Wesens mitnehmen. Dorthin, wohin er bisher nicht gehen konnte – weil niemand allein in den Abgrund seines Selbst gehen kann.
Dort wird mein Herz erweichen und Tränen werden meine Augen reinigen. Tränen sind das wesentliche Mittel, um „Balken“ aus dem Herzen zu spülen.
Nicht über dem Meister
Zurück zu meiner Frage am Anfang.
Gestern habe ich von dem Dienst von ZAKA gelesen. Er wird in Israel, zumeist von sehr gläubigen Juden durchgeführt. Es geht um den Dienst an Opfern von Anschlägen und Katastrophen. Um das sorgfältige, würdevolle Einsammeln von Teilen des Körpers und eine bestmögliche Beerdigung.
Wir hier im Westen sind von dem heiligen Respekt des Körpers unfassbar weit entfernt. Wir haben Mühe zu ahnen, welch Dienst da geschieht.
Aber das lesen dieses Berichtes hat Balken aus meinem Herzen gespült. Ich konnte kaum weiterlesen.
Jesus, der Christus ist, hat uns an Seinem Leib, seinem Körper erlöst. Wir sollten es besser wissen als die Juden – sie aber wissen es besser als wir.
Die Erde, in die Gott Seinen Atem hauchte, sie ist heilig und bleibt heilig. Sie ist der Ort der Sünde gewesen und allein sie ist der Ort der Erlösung.
Der Nagel, geschlagen in die Handwurzel Jesu, war in Seinen Leib – nicht in Seinem Geist allein.
Nicht über den Meister hinaus!
Mir scheint, das heißt: Nicht ohne faktisches, körperliches Eintreten in die Not des anderen. Zunächst in der Berührung – später wohl auch in körperlichem Mitleiden.
Die Liebe erweist sich nicht in Macht, sondern in Übernahme von Leid, wo es von Gott her berufen ist (nicht voreilig).