Fr 04.10.2024
Lk 10:13-16 Jesu Wehrufe über die Orte Seiner größten Wunder
Wer ist gemeint?
Jesus redet vom Gericht. Er redet von einem schlimmen Ergehen und von Buße, die nicht getan wurde. Er redet davon, dass es Sodom besser gehen wird als Seiner Heimatstadt Kapernaum. Der Stadt, die Ihn aufgenommen hat, nachdem Nazareth Ihn abgelehnt hatte. Der Stadt in der Petrus und Andreas lebten.
Ebenso wird deren Heimatort (und die Heimat von Johannes) Bethsaida ins Gericht gerufen.
Und ich sitze hier und denke nicht, dass ich gemeint sein könnte.
Ich doch nicht, mein Haus doch nicht.
Wofür soll ich Buße tun? Solch eine Buße, die offenbar ein Gericht, schlimmer als der Feuersturm über Sodom, verhindern soll.
Wenn ich gemeint bin – was ist dann gemeint.
Wer Ohren hat zu hören
Ich weiß aus meiner Arbeit als Seelsorger, dass Menschen, die nicht hören können, auch nicht hören. Ich erlebe eine Ohnmacht und ich kenne keine Worte, die dann helfen. Wer sich nicht umwendet, der findet den Weg nicht, den sein Herz gehen soll.
Ich kann einen Weg nicht sehen, dem ich den Rücken zuwende – so zeigt es sich mir.
Dass diese Menschen aber doch nicht blind sind, erkenne ich daran, dass sie die Blindheit von anderen durchaus sehen können.
Bin ich nun auch ein blinder Blindenführer und sehe meine eigene Blindheit nicht?
Mahne ich und bin selbst taub?
Was kann ich denn sehen?
Ich sehe, dass Jesu Worte, z. B. über Kapernaum, mit meinen normalen Erklärungen nicht zu erklären sind.
In unserer Männerrunde redet einer oft von Sünde, Beichte und Buße und wir anderen denken ein wenig – wovon redet der andauernd? Was macht er denn immerzu?
Aber vor ein paar Wochen kam ein Schimmer Licht in mein Leben.
Ich sah, dass all das Opfer sein von mir und meinen Klienten auch ein Täter sein voraussetzt. Und gerade auch ein Täter sein von mir selbst.
So habe ich begonnen, eine Liste einiger meiner schlimmsten Egoismen zu notieren. Gedankenkonstrukte und Bestrebungen, die nur mir gedient haben – auf Kosten besonders meiner Frau und meiner Kinder.
Und die Liste ist lang, und sie scheint mein Leben annähernd lückenlos auszufüllen. Ich werde sie hier nicht offenbaren, aber nenne als ein Beispiel mein Studium. Meine Frau hat es unter großen Opfern ermöglicht. Denn schon zu beginn hatten wir zwei Kinder, dann drei und praktisch alle Last lag bei ihr – aber aller Nutzen bei mir.
Indem ich anfange, die Decke des Selbstschutzes zu heben, offenbart sich mir ein Abgrund weiterer Dinge – ich erschauere.
Menschensohn
Was machen die Wunder für einen Unterschied, die Jesus erwähnt?
Sie vergrößern die Schuld derer, die sie erleben – und dennoch daraus nicht zur Buße gelangen.
Warum?
Wunder sind ein kleiner Blick in das Wesen Gottes.
Wir aber haben viel mehr als Kapernaum und Bethsaida.
Wir haben das Leid und das Sterben dessen, der sich Menschensohn nennt und zugleich Gottessohn ist.
Jetzt kommt es:
Wenn Jesus Menschensohn ist, dann sind wir, die wir auch Menschensöhne sind, zu genau demselben geschaffen worden wie Jesus.
Jesus nun gehörte nicht sich selbst, sondern ganz dem Vater.
Er hat keinerlei Selbstverwirklichung gelebt. Keine Selbstliebe – nichts.
Alles und jeder Moment war Hingabe an den Willen des Vaters.
Nicht weil Er so ein besonderer Held ist – sondern weil es das Wesen jedes Menschen ist – Er nennen sich deshalb andauernd Menschensohn!
Es ist das Wesen, das ich erkennen – und lieben – kann, wenn ich mich umwende.
Buße tun ist umwenden.
Es ist kein schrecklich selbstloses Leben – es ist ein herrliches Leben. Genau genommen ist es erst eigentlich Leben.
Die Offenbarung des Vaters in Jesus
Sie zeigt mir wer der Vater ist und was es heißt, Sohn dieses Vaters zu sein.
Es ist die Offenbarung der Stellung des Menschen im Kosmos.
Überhaupt der kosmischen Ordnung an der entscheidenden Stelle.
Der Himmel und aller Himmel Himmel ist Gottes.
Und allein am freien Menschen offenbart sich, dass es um Sohnschaft geht, um Liebe, um das Wesen Gottes.
Aus dieser Nummer komme ich nicht raus. Ich bin Sein Sohn – da gibt es keine Wahl. Ich bestätige dies, oder ich rebelliere.
Die Herrlichkeit der Sohnschaft zu sehen, ist innerhalb der Welt schwer. Und es ist ein Wagnis. Das Wagnis der Liebe aus Glauben.
Aber darin lauert Herrlichkeit und Freude von überwältigendem Ausmaß.
Johannes Gerloff beschreibt es anhand von Psalm 8 (Vers 4-6).
Aus dem Enosch, dem hinfälligen, schwachen Menschen, wird der Sohn Gottes.
Vers 4 beschreibt das erste und Vers 5 und 6 das zweite.
Ich füge im Anhang eine kleine Erläuterung des Wortes bei, das Luther mit „Mensch“ übersetzt hat.
Anhang
4. Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
5. Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.
6. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan:
Das hebräische Wort אֱנוֹשׁ (Enosch) stammt von der Wurzel אֱנַשׁ (anash), die in verschiedenen Kontexten „schwach“ oder „krank sein“ bedeuten kann. In der biblischen Literatur wird אֱנוֹשׁ oft verwendet, um die Verletzlichkeit, Sterblichkeit und Vergänglichkeit des Menschen zu betonen.
Bedeutungen und Konnotationen:
1. Vergänglichkeit des Menschen: Das Wort אֱנוֹשׁ hebt die Schwäche und Zerbrechlichkeit des Menschen im Vergleich zur Größe Gottes und der Schöpfung hervor. Es unterstreicht, dass der Mensch ein sterbliches und unvollkommenes Wesen ist, im Gegensatz zu Gottes Ewigkeit und Macht.
2. Menschliche Schwäche: Der Begriff wird auch oft verwendet, um die Abhängigkeit des Menschen von Gott zu verdeutlichen. Er stellt den Menschen als ein Geschöpf dar, das hilfsbedürftig ist, moralisch und physisch schwach, und auf Gottes Gnade angewiesen.
3. Ein Ausdruck der Demut: Die Verwendung von אֱנוֹשׁ in poetischen und prophetischen Texten betont die Demut des Menschen angesichts seiner eigenen Endlichkeit und der unermesslichen Größe Gottes. Es ruft den Menschen dazu auf, seine Grenzen und seine Endlichkeit zu erkennen.
Ein Kommentar zu „Menschensohn – Anspruch und Anklage“