Der Herr kommt nicht bei Tag

Di 22.10.2024

Lk 12:35-38 Eure Hüften sollen gegürtet sein, und eure Lampen brennen.

Und wann soll ich schlafen?

Die dritte Nachtwache ist nach römischer Ordnung von Mitternacht bis 03:00 Uhr.

Die finsterste Zeit überhaupt.

Geht es ums physisches Schlafen?

Vielleicht geht auch einmal um physisches Wachsein, um eine Nacht des Gebetes. Darum, auf den Komfort meines Alltags zu verzichten, auf meine regelmäßige Nachtruhe, meine Besorgnis darum, wie es mir geht. Darf Gott von mir auch etwas verlangen, was nicht zu meinem Vorteil ist, sondern allein für Ihn?

Aber wann soll ich schlafen, wenn ich „allezeit“ wachen soll.

Was meint dieses Warten sonst?

Jemand ruft mich, auch ohne Worte

Wenn ich morgens meine Frau aufstehen höre, lasse ich das Wort, das ich gerade schreibe, unvollendet und gehe und koche einen Kaffee.

Ich habe dies zuerst bei Theresa von Lisieux gefunden und habe entdeckt, welch wunderbarer Ausdruck das ist, welch wertvolle Übung. Ich schrieb vor kurzem über das Wort „gleich“ (11.10.2024 Gleich, ganz, gern).

Dieses „Gleich“ demonstriert die enorme Priorität der Liebe über allem anderen Werk.

Denn wo mein Schatz ist, da ist mein Herz. Da ist mein Sehnen und Wachen.

Die Zentraleinheit eines Computers (CPU) arbeitet ihre Aufgaben Schritt für Schritt ab. Es gibt jedoch Eingänge, physische Eingänge in die CPU, die sofort und bedingungslos eine Unterbrechung auslösen (Interrupt). Es erfolgt dann sofort das Abarbeiten einer ISR (Interrupt Service Routine).

Vielleicht ein Aspekt der Sache.

Das Provisorium des Lebens

Wann kann der Herr mich rufen?

Wenn ich noch einmal jenen besonderen Urlaub hatte? Noch die Geburt eines Urenkels erlebt habe? Noch eine Henkersmalszeit hatte?

Sage ich zu Gott: „Moment noch“? Oder das berühmte „ich komme gleich“?

Das Leben ist der Ort, an dem ich lerne, das Leben loszulassen. Loszulassen für das eigentliche – den Anderen, vorzüglich Gott.

Ich möchte das Leben vom Himmel her betrachten. Mein eigentliches Sein ist außerhalb der Welt. Wie bei Jesus. Er war immer bei Gott und wird immer bei Gott sein.

Nun kommt Er in diese provisorische Welt. Mit einer großen, ja der größten Aufgabe.

Die Erde ist nicht ein nebensächlicher Ort.

Aber es ist der Ort der provisorischen Indifferenz. Der Möglichkeit sich anderweitig zu verlieben (z. B. in die Freuden der Welt).

Das wird eines Tages ein Ende finden.

In dem wunderbaren Buch „So weit die Füße tragen“ (J.M. Bauer 1955) wird der lange, sehr lange Weg des deutschen Kriegsgefangenen Clemens Forell aus Sibirien zurück in die Heimat geschildert. Auf dem Weg gibt es auch schöne Orte und wunderbare Möglichkeiten, ein neues Zuhause zu finden.

Wie ein Bild für unser Leben in der Welt.

Mein Zuhause ist im Reich Gottes. Mein zauderndes Herz hält sich fest an diesem und jenem – ich aber will nicht bleiben. So wie Forell doch am Ende immer nach Hause wollte.

Nur die gespannte Saite gibt den richtigen Ton

Wann der Finger die Saite zupft, erklingt der Ton.

Aber alle Zeit ist die Saite gespannt und bereit. So will ich sein.

In der Praxis wird Gott dieses Zupfen der Saite immer wieder mit mir üben.

An anderer Stelle wird dieses Phänomen mit Kairos beschrieben.

Es ist aber mehr ein Einüben in die richtige Spannung, die richtige, wache Aufmerksamkeit.

Das Reinigen von Flusen und Bindungen meines Lebens.

Ein Wort zur Nacht

Wenn nichts mehr dafür spricht, dass Er nahe ist, dann ist Er am nächsten. Mitten in der Finsternis.

Nicht in der Erweckung und dem emotionalen Rausch. Sondern in der Trockenheit und Dürre, der Finsternis. Dort wird die Saite nachgespannt und in Harmonie mit den anderen Saiten gebracht.

Wann es Nacht wird, ist nicht in meiner Hand – aber der Dunkelheit tapfer entgegen zu schauen soll mein Bestreben sein.

Die Frage ist nicht, wann ich Gott erlebe – sondern wann Gott mich erlebt. Mich, als Glaubenden – auch ohne Licht.

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