Fr 25.10.2024
Lk 12:54-59 Zeichen der Zeit und Gang zum Richter
Heute spreche ich nicht über die Endzeit, sondern über das Gericht. Es ist leichter über die Endzeit zu reden als über das Gericht.
Vorbereitung
Die Vorbereitung sind die Texte der vergangenen Tage.
Mit dem Tod kommt keine erlösende Glückseligkeit – sondern das Gericht.
Ich bin in das gleiche Gedankenmuster gefallen wie so viele: Es muss ja gut werden – sonst halte ich es nicht aus.
Ich will nicht denken, was ich nicht tragen kann.
Jesus vergibt mir alles. Alles?
Wenn mir jemand etwas Böses tut – kann Jesus ihm genau das vergeben?
Habe ich kein Recht, ihn anzuklagen?
Vielleicht sagt jemand, ich verdanke alles Gott, darum ist es alles Gottes.
Ich erwidere: Gott hat es mir personal gegeben. Sonst könnte ich selbst auch nicht schuldig werde.
Ich werde einem Menschen, der als Kind schwer missbraucht wurde, nicht sagen, dass Gott dem Täter in seinem Namen vergeben hat – das bezeugt weder Bibel noch Herz.
Gott vergibt nur in Seinem eigenen Namen.
Darum auch mir nicht. All das, was ich jemandem antat, bleibt von der Vergebung Jesu ausgenommen.
Jesus wird mir vergeben – das glaube ich: Aber nur das, was ich Ihm antat. Alles, was ich anderen tue, tue ich auch Ihm – aber es bleibt der Anteil des anderen, der sein eigener ist.
Im Vater-unser wird es ganz deutlich und im Anschluss daran sagt Jesus es ausführlich – und auch in diesem Text.
Das Prinzip des Himmels ist, dass ich mir das nicht selbst vergeben kann.
Aber: Ich kann anderen vergeben. Denn Gott sieht das Ganze. Gott fragt nach dem anderen, dem ich vergeben kann.
Eingestehen
Jemandem zu vergeben ist ungleich leichter, wenn dieser seine Schuld bekennt und ganz ernst nimmt. Ohne Ausrede seinen je eigenen Anteil an Schuld als seine persönliche Schuld benennt.
Was habe ich also zu bekennen?
Wenn ich darüber nachsinne, spüre ich einen Schutzwall. Er ist fast unterbewusst – aber ich will ihn sehen – und sehe ihn.
Folgende automatische Gedanken und Haltungen fallen mir auf. Wenn ich sie notiere sind sie teils lächerlich – so sieht es aber aus. Es sind bisher unreflektierte Gedankenkonstrukte – allesamt Lügen.
- Vergessen löscht alles aus
- der ja auch
- weniger als andere
- ich „kann“ es nicht besser
- wird von Jesus vergeben
- darüber Nachdenken wühlt es nur auf
- es schwächt mich zu sehr
Alles, alles Lügen.
Sehr stark ist die Angst, die aus der Ohnmacht kommt. Ich habe keine Macht darüber, ob der andere es mir vergeben wird.
Der andere ist mein Richter
Entsetzlicher weise sagt Jesus – Jesus! – dass das Gerichtsurteil gültig sein wird und vollzogen werden wird!
Von Gnade ist dort mit keinem Wort die Rede.
Anders als jeden Sonntag in der Kirche.
Dimensionen der Schuld
Ich sehe mit Entsetzen: Schuld ist zumeist und zutiefst nicht Tatschuld, sondern Unterlassungsschuld!
Dort, wo ich habe lieben können, mich aber zuerst und zumeist selbst geliebt habe. Dort habe ich den Anderen in seiner Verletzung liegen gelassen, wie jener Priester, jener Mensch, der dem unter die Räuber Gefallenen nicht half.
Nicht jedem unter die Räuber gefallene der Welt – nur dem, der allein vor mir auf dem Weg liegt und dem ich der Nächste bin.
Ein Beispiel
In meiner gegenwärtigen Welt sehe ich besonders einen Punkt, an dem ich immer wieder schuldig werde: Wahrhaftigkeit und Übergriffigkeit.
In beidem falle ich, wenn und weil ich um mich besorgt bin, mich an erste Stelle setzte.
In der Wahrhaftigkeit: die Feigheit, schlecht dazustehen, wenn ich sage, was gesagt werden soll – und so dem Anderen kein Wegweiser bin.
In der Übergriffigkeit: die Eitelkeit, die meine Erkenntnis über das Hören stellt. Das Hören, was jetzt gesagt werden soll – oder eben nicht gesagt werden soll – egal, wie toll ich es selbst finde.
An vielen Stellen, besonders im sogenannten „Weltgericht“ geht es nicht um Glaube oder Tatsünden: Es geht um diese Unterlassungsschuld. Die Schuld, die Liebe schuldig bleibt.
Es ist eben nicht: Was du nicht willst, was man dir tue …
Es ist: Was du willst, was man dir tut, das tue dem Anderen.
Das Erste ist der Weg, weg von Gott, hin zu Gericht und Abgrund. Wer dem anderen nie etwas Böses getan hat und sonst auch nichts – der landet sicher NICHT bei Gott.
Nichts als nichts Böses zu tun, führt mich zu den verfluchten Böcken zur Linken von Jesus.