Fr 01.11. 2024 Allerheiligen
Mt 5:1-12a Die Seligpreisungen
Abwehrmechanismen
Ein Begriff aus der Psychologie, der sagt, dass man etwas tut, um etwas anderes nicht tun zu müssen. Oft ist es ein Glaubenssatz.
„Ich kann nicht singen“ hat sehr viel damit zu tun, welche Erfahrungen ich mit meinem Singen gemacht habe – singen, das sehr viel vom Herzen offenbart und darum leicht verletzt werden kann. Meine Gesanglehrerin hat so vielen Menschen geholfen zu singen, die genau das gesagt haben:“Ich kann nicht singen“.
Zum Thema Heiligkeit haben die Christen ein ganzes System von Abwehrmechanismen aufgebaut. Dahinter leben sie ihr altes Leben fröhlich weiter und haben keinerlei Schuldgefühle.
Es ist ein kollektives System, jeder Versuch daran zu rütteln ruft gleich das ganze „man“ auf den Plan. Man weiß doch, dass die Bergpredigt nur ein theoretisches Ziel ist, nichts, was man wirklich leben soll, ja kann.
Die Bergpredigt, konzentriert in den Seligpreisungen, ist der Weg zur Heiligung.
Beispiele
Ich nenne Beispiel für Lügen, die mir im Blick auf Heiligkeit begegnen:
Heiligkeit ist Perfektion. Heiligkeit ist Fehlerfreiheit. Heiligkeit ist eitel. Heiligkeit ist Fanatismus. Heiligkeit ist nur für ganz wenige. Und vieles mehr.
Nichts davon ist wahr.
Gott sagt „Seid heilig, denn ich bin heilig“ (3.Mo 19.2).
In Hebr. 12:14 sagt der Schreiber, dass niemand ohne die Heiligung Jesus sehen wird.
Das sagt er Christen.
Es ist nicht so, dass wir allzumal geheiligt sind durch das Blut Christi.
Sonst stände dieser Satz nicht in der Bibel.
Sonst sollten die Seligpreisungen gestrichen werden, ja die Bergpredigt und das allermeiste sonst auch.
21 Märthyrer am Strand von Sirte
2015 ermordete der IS 21 Gastarbeiter aus Ägypten. Sie waren der Aufforderung, ihrem christlichen Glauben abzuschwören, nicht gefolgt, obwohl sie wussten, was dies für sie bedeutet.
Diese 21 Männer sind Heilige der koptischen Kirche. Normale Männer, irgendwelche Männer. Keine geistlichen Führer, einfache Gastarbeiter, die ein wenig Geld für ihre Familien verdienen wollten. Es waren am Anfang 23 und am Ende 23 – niemand hat einen Rückzieher gemacht.
Ich deute es so: Sie hatten eine gewisse „kritische Masse“ an Entschlossenheit für ihren Glauben erreicht. Nicht heldenhaft und nicht fehlerfrei, nicht eitel oder fanatisch – sondern treu in vielen kleinen Dingen und entschieden im Alltag Christen zu sein – mehr als anderes.
Sie hatten Tradition und Gemeinschaft – das hat geholfen. Sie kannten als Kopten im muslimischen Ägypten schon lange die Bedeutung einer klaren Entschiedenheit.
Heiligkeit ist möglich
Weil Gott heilig ist und uns nach Seinem Bild geschaffen hat.
Es ist eine Wesenseigenschaft, die im Menschen ist.
Sobald ich mich entscheide, die Vaterschaft der Welt zu verlassen (die Schweinetröge der Selbstliebe) und als Kind im Hause des Vaters zu leben, wird sich zeigen, dass wir Adler sind und keine Hühner (siehe Anhang).
Und andersherum: Solange Heiligung nicht mein brennendes Verlangen ist, gehöre ich noch zu den Hühnern – egal, was ich zu glauben behaupte!
(Nichts gegen Hühner – ich mag Hühner sehr).
Ich schaue den Lügen ins Angesicht und erlaube meinem Vater, mir zu zeigen, wo ich meinen Willen immer noch gegen Ihn gerichtet habe.
Meine Willen – nicht mein Können.
Denn es ist der Wille.
Vermeintlich mangelndes Können erfahre ich wie eine Prüfung meines Wollens. Will ich auf eine billige Weise, die nicht mein ganzes Sein in Anspruch nimmt? Ein wollen, das eher ein möchten ist?
Heiligkeit ist nötig
Darüber habe ich oft geschrieben.
Wäre sie nicht nötig, wäre die Bergpredigt nicht nötig. Es wären die Prüfungen der Wüste nicht nötig (40 Jahre für Israel). Und ich würde Gott im Himmel nicht erkennen – denn man erkennt nur, was eine gewisse Ähnlichkeit hat.
Es nützt nichts, im Himmel zu sein, wenn ich nicht heilig bin. Ich werde dort nicht glücklich sein. Das ist einer der Vorurteile: Man malt sich den Himmel nach seinem Geschmack aus.
Es ist aber der Ort, an dem ich Heimat empfinde, weil ich so bin, wie die anderen dort: heilig.
Wie ich den Himmel ersehne, erkenne ich daran, wie ich die Helligkeit ersehne.
—
Anhang: Geschichte von Adlerküken
In dieser Erzählung geht es um einen jungen Adler, der als Ei in einen Hühnerhof gelangte und dort zwischen den Hühnern aufwuchs. Da er nichts anderes kannte, hielt er sich für ein Huhn und verhielt sich auch so. Er scharrte im Dreck und lebte ein gewöhnliches Hühnerleben, obwohl er eigentlich ein majestätischer Vogel war, der für das Fliegen in großen Höhen bestimmt war.
Eines Tages sah er einen Adler hoch am Himmel kreisen und fühlte eine Sehnsucht in sich aufsteigen. Durch diese Begegnung oder einen besonderen Moment erkannte der Adler schließlich, dass er kein Huhn war, sondern selbst ein Adler. Dieses Bewusstsein weckte in ihm die Erkenntnis seines wahren Wesens, und er erhob sich schließlich in die Lüfte, um zu fliegen, wie es seiner Natur entsprach.