Gelten überhaupt noch Überlieferungen?

Di 11.02.2025

Mk 7:1-13 Von Überlieferungen der Ältesten

Der Text

Nach den vielen Heilungen kommen die Pharisäer aus Jerusalem, zusammen mit ein paar Schriftgelehrten.

Sie kritisieren, dass die Jünger die Satzungen der Ältesten nicht einhalten, konkret Reinigungssatzungen zum Essen.

Jesus überführt ihr Herz und zitiert aus Jesaja 29. Die Praxis des Freikaufens vom 4. Gebot, die Eltern zu ehren.

Pharisäer

Etwa 0,2 % der Juden waren Pharisäer. Sie achteten auf die religiöse Kultur Israels. Sie wurden in der Regel nicht von der Gemeinschaft bezahlt, arbeiteten, wie der Pharisäer Paulus (Zeltmacher), hatten vielleicht ein Erbe, bekamen auch ein paar Spenden.

Wie wird heute die Moral der Gesellschaft gepflegt?

Durch Medien, Lehrer, Forscher, Politik usw.

Mir scheint, durchaus von Menschen, die dafür bezahlt werden und deren Motivation nicht unbedingt besser ist als die der Pharisäer.

Auch Pastoren werden bezahlt und ihre Motivation ist unterschiedlich.

Vielleicht wäre manches besser, hätten wir so etwas wie Pharisäer.

Mein eigenes Anliegen ist in manchem dem der Pharisäer recht nahe. Auch mit diesen Texten.

Jesus hebt nicht einfach alles auf

Das „Liebe – und dann tue, was du willst“ (Augustinus) ist ganz aus der Wirklichkeit. So funktioniert der Mensch nicht. Es ist eine so theoretische Aussage, dass sie eher eine Gefahr als eine Orientierung ist.

Israel ist eine Bereitung. Von Anfang an. Ein langer, notwendiger Weg.

Gott platzt nicht in die Welt. Es gibt auf dem Weg Übertreibungen und Irrungen – das hebt aber den Weg nicht auf, Schritt für Schritt, wie im Labyrinth von Chartres.

Ich zitiere Bonhoeffer:

Ziehst Du aus,

die Freiheit zu suchen,

so lerne vor allem

Zucht der Sinne

und Deiner Seele,

daß die Begierden

und Deine Glieder

Dich nicht bald hierhin,

bald dorthin führen.

Keusch sei Dein Geist

und Dein Leib,

gänzlich Dir selbst

unterworfen

und gehorsam,

das Ziel zu suchen,

das ihm gesetzt ist.

Niemand erfährt

das Geheimnis der Freiheit,

es sei denn durch Zucht.

Tiefer graben

Die Reinigungsgebote zum Waschen der Hände setzt Mose für die Priester vor dem Tempeldienst ein. Jesus hebt keine Gebote auf.

Er korrigiert Verirrungen. Deutlich wird es an dem Zitat aus Jesaja 29,13. Es geht um die Verblendung des Volkes. Dort steht auch: „Der Herr hat über euch einen Geist des tiefen Schlafes ausgegossen, und eure Augen – die Propheten – zugetan. Und eure Häupter – die Seher – hat Er verhüllt.“

Aus dieser Situation heraus ist es nötig, nicht zu meinen, man würde schon verstehen.

Manche sagen, Jesus wäre ganz in ihnen – und ich sehe sie taumeln.

Warum sollte es bei mir anders sein?

Wenn Israel solch einen dramatischen Weg gegangen ist – wer bin ich, der Gojim, zu glauben, ich wüsste es besser?

Ich meine nicht, dass ich nur die Gesetzlichkeit abschaffen müsste und schon wäre ich bei Jesus.

Der Text richtet sich an mich: Der du eiferst um Gott, glaube nicht, dass du es schon hast. Ich bin auf dem Weg und will an keiner Station zu lange verweilen.

Ordnung

Die Väter dienen mir. Sie sind wie meine Knochen – innerer Halt.

Das Leben muss ich dennoch leben – mit meinen Knochen.

Das Leben ist immer aktuell – aber in dem gewordenen, nicht außerhalb davon.


Anhang

„Stationen auf dem Wege zur Freiheit“ von Dietrich Bonhoeffer.

ZUCHT.

Ziehst Du aus,

die Freiheit zu suchen,

so lerne vor allem

Zucht der Sinne

und Deiner Seele,

daß die Begierden

und Deine Glieder

Dich nicht bald hierhin,

bald dorthin führen.

Keusch sei Dein Geist

und Dein Leib,

gänzlich Dir selbst

unterworfen

und gehorsam,

das Ziel zu suchen,

das ihm gesetzt ist.

Niemand erfährt

das Geheimnis der Freiheit,

es sei denn durch Zucht.

TAT.

Nicht das Beliebige,

sondern das Rechte

tun und wagen,

nicht im Möglichen schweben,

das Wirkliche tapfer ergreifen,

nicht in der Flucht der Gedanken,

allein in der Tat

ist die Freiheit.

Tritt aus ängstlichem Zögern heraus

in den Sturm des Geschehens,

nur von Gottes Gebot

und Deinem Glauben getragen

und die Freiheit

wird Deinen Geist

jauchzend umfangen.

LEIDEN.

Wunderbare Verwandlung.

Die starken tätigen Hände

sind Dir gebunden.

Ohnmächtig einsam

siehst Du das Ende

Deiner Tat.

Doch atmest Du auf

und legst das Rechte

still und getrost

in stärkere Hände

und gibst Dich zufrieden.

Nur einen Augenblick

berührtest Du selig

die Freiheit,

dann übergabst Du sie

GOTT, damit ER sie

herrlich vollende.

TOD.

Komm nun,

höchstes Fest

auf dem Weg

zur ewigen Freiheit.

Tod, leg nieder

beschwerliche Ketten und Mauern

unseres vergänglichen Leibes

und unserer verblendeten Seele,

daß wir endlich erblicken,

was hier uns zu sehen

mißgönnt ist.

FREIHEIT.

Dich suchten wir lange

in Zucht und in Tat

und in Leiden.

Sterbend erkennen wir nun

im Angesicht Gottes

dich selbst.

Dietrich Bonhoeffer

Verfaßt am 21. Juli 1944, einen Tag nach dem mißglückten Attentat auf Hitler

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