Mi, 14.05.2025
Joh 12:44-50 Letzter Wortwechsel mit dem Volk und den Oberen
Der Text
Zuvor: Unglaube, aber auch heimlicher Glaube im Volk. Wer Jesus sieht, sieht den, der Ihn gesandt hat. Wer Mich verachtet, und meine Worte nicht annimmt, der hat schon einen Richter. Und: Sein Gebot ist ewiges Leben.
Nicht als Rückschau
Betrachte ich den Text nicht aus heutiger Perspektive, sondern aus damaliger – ich fürchte, ich wäre überfordert gewesen.
Ich glaube nicht an Joseph Smith (1805-1844), den Gründer und Propheten der Mormonen. Schon garnicht an Mohamed oder einen anderen, der sich Prophet nennt.
So ging es den Juden.
Sie hatten die vollständige Offenbarung von Gott durch Mose. Zwar war ein Prophet verheißen – aber kein Gottessohn.
Welchen Anspruch erhebt Jesus diesen Menschen gegenüber!
Das Leiden Jesu
Gott kann nicht als der Gott erkannt werden, der Er ist, ohne das Leiden und das Kreuz Jesu. Im Nachhinein ist die Offenbarung Jesu als Sohn Gottes mir viel näher.
Aber Jesus redet hier nicht davon.
Zwar schreibt Johannes den Text nach Tod und Auferstehung. Der Text ist zum Teil ein Text ohne Zeit. Er beschreibt für uns, was wir verstehen können.
Aber das ist zu einfach. Die Juden sind kein Experimentierfeld.
Warum war Jesus schon in Joh. 12 jemand, an den zu glauben war?
Welchen Anspruch, welche Gottesoffenbarung ist das?
Wozu offenbart Gott einen Sohn – es ging doch bisher auch ohne, und Er war dennoch Gott?
Gott ist mehr Mensch als gedacht
Schon immer. Denn Er schuf den Mensch zu Seinem Abbild.
Jesus ist zwar singulär – aber zugleich ist Er als Mensch exemplarisch.
Exemplarisch dafür, dass ich im Anderen dem Abbild Gottes begegne.
Wir sind Söhne Gottes, sagt Er selbst.
In meiner frühen Jugend habe ich Isaak Asimov gelesen, Stanislaw Lem, Arthur C. Clarke und andere Science-Fiction-Autoren. Besser als SciFi sollte man es literarische Philosophie in futuristischer Form nennen.
Es war meine Suche nach Gott darin. Was ist hinter allem, wie kann alles noch ganz anders gedacht werden? Wo findet meine Seele endlich Erfüllung?
Niemals könnte auch der klügste dieser Schreiber den Gott erdenken, den ich nun gefunden habe. Und:
Er ist ganz nahe – im Anderen, ja als der Andere!
Gott ist in Jesus Mensch geworden – nicht nur, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun und den Menschen zu Seinem Gegenüber zurückzuführen.
Er offenbart auch die Selbstverständlichkeit Gottes im Menschen.
Jesus ist sozusagen in Seinem Mensch-Sein keine neue Erfindung.
Gott ist den Menschen unfassbar nahe.
Die Menschen sind zur Ähnlichkeit mit Ihm erschaffen und mit Ihm hautnah verwandt. Vielleicht sogar weniger erschaffen als „Erformt“.
Menschen können im Menschen Gott erkennen!
In dem Menschen Jesus nun in reiner Form. Noch nicht einmal weil er Gott neu offenbart – schon vorher.
Insofern ist das Kreuz die Fortführung der Intimität Gottes mit den Menschen – vielleicht gar nicht so überraschend, wenn man Gottes Freund ist.
Emmanuel Levinas
Emmanuel Levinas (1906–1995) war ein jüdischer Philosoph, der nach der Erfahrung von Krieg, Verfolgung und Gefangenschaft eine grundlegende Frage neu stellte:
Was bedeutet es, einem Menschen zu begegnen?
Für ihn beginnt echtes Menschsein dort, wo ich dem Anderen ins Gesicht sehe – ins Antlitz, wie er sagt – und verantwortlich werde, noch bevor ich etwas tue oder denke.
Levinas sagt:
Nicht ich stehe im Mittelpunkt – sondern der Andere, der mir anvertraut ist.
Wirkliche Menschlichkeit beginnt, wenn ich mich dem Anderen zuwende – nicht mir selbst.
Levinas ist ganz Jude. Er führt mich ganz nahe an Jesus – wenn Ihm auch der letzte Schritt fehlt.
Und damit spüre ich: Auch dieser Jude Levinas ist dem Jesus, der Gott als Mensch verkörpert, extrem nahe. In dieser großen Nähe mag es besonders schwer sein, Jesus als Singularität wahrzunehmen.
Jesus ist nicht so überraschend, wenn man erkennt, wem wir Menschen Gott sind.
Sollte Gott uns nicht ebenso sein?