Kein „moralisches Lastenheft“ (1)

Do 12.06.2025

Mt 5:20-26 Vom Morden

Der Text

20 Denn Ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht überfließt über die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr keinesfalls in das Königreich der Himmel eintreten.

21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht morden; wer aber mordet, ist dem Gericht verfallen.

22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, ist dem Gericht verfallen; wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka (Nichtsnutz), ist dem Synedrium verfallen; wer aber sagt: Narr, ist dem Feuer der Hölle verfallen.

23 Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat,

24 dann lass dort deine Gabe vor dem Altar und geh – versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, und dann komm und bring deine Gabe dar.

25 Sei wohlwollend gegenüber deinem Gegner auf dem Weg, solange du mit ihm unterwegs bist, damit nicht der Gegner dich dem Richter übergibt und der Richter dem Diener, und du ins Gefängnis geworfen wirst.

26 Wahrlich, Ich sage dir: Du wirst von dort nicht herauskommen, bis du den letzten Leptos (kleinster Geldbetrag) bezahlt hast.

Hinweis: Es gibt wieder einen Begleittext:Kein „moralisches Lastenheft“

Man muss den ganzen Weg gehen

Jesus bezieht sich auf das sechste Gebot in 2. Mo 20:13. Dort steht רָצַח (ratsach) – gezielter, persönlicher Mord.

Auch sonst ist es gut, zunächst zu lernen, das Jesus die ganze Tradition aufnimmt. Im Begleittext sind rabbinische Quellen genannt, die auch zu Jesu Zeit z. T. bekannt waren. Israel hat alles, Jesus nimmt all das ganz auf.

Wir haben gestern im Männerkreis sehr persönlich über die strenge Lehre der katholischen Kirche vor 1967 (also vor dem 2. Vatikanischen Konzil) gesprochen. Und dabei das für Männer wohl anspruchsvollste Thema, Sexualität, ins Zentrum gestellt. Wie leben wir es, wie hören wir den Anspruch? Zwischen Ohnmacht und Rechtfertigung, zwischen Staunen und Besorgt-sein, zwischen Abwehr und Annahme.

Aber ohne den Anspruch einfach wegzuwischen.

So auch hier. Höre zunächst ganz, was dir gesagt ist. Auch schon gesagt vor dem, was Jesus neu gebracht hat.

Auch im alten Menschen ist das Ohr zu Gott hin da, und ein leises Wissen darum, dass nicht nur äußere Form gemeint ist – die auch – aber viel tiefer etwas im Raum steht, was uns verloren zurücklässt. Verloren und traurig – oder gar zornig.

Es ist die Bergpredigt

Sie richtet sich an das ganze Volk.

Und sie redet davon, mehr, viel mehr in den Ordnungen Gottes zu leben, als es die Besten der damaligen Zeit konnten.

Kann ich das? Wie sollte ich das können?

Ja, ich kann.

Es ist der Weg des Sich-selbst-Sterbens – DAMIT es zu einer neuen Geburt kommt.

Die Geburt kann ich nicht machen.

Auch das neue Leben kann der alte Mensch nicht machen. Ein wenig davon – aber nicht „überfließend“, wie der Text sagt.

Gerade genug, um zu verkosten, dass darin ein Same in mir angesprochen wird, den es wirklich gibt und der den Geschmack der neuen Welt kosten kann.

Was ist das Hindernis?

Warum ist es so schwer?

Weil ich das alte Leben festhalte und das neue Leben ZUSÄTZLICH haben will.

Aber das geht nicht.

Ich muss das Mir-selbst-Nehmen der Freuden der Welt loslassen und zulassen, durch die enge Pforte der Geburt in eine neue Welt geboren zu werden.

Niemand macht sich selbst geboren. Aber wir sind frei, das Wehen des Geistes zu ignorieren und stattdessen auf den Schatz der Welt in unseren Händen zu schauen.

Auf das köstliche Essen, auf Urlaub und Erholung, auf ein selbstbestimmtes Leben. Auf Sicherheit und menschliche Anerkennung. Auf die Liebe zu mir selbst.

Das Gesetz ist gut.

Auch die alten katholischen Ordnungen und Auslegungen sind gut.

Aber sie sind zumeist die Rückseite des Himmels – nicht die Vorderseite.

Ich habe an anderer Stelle geschrieben:

Solange mir das Gesetz Mühe macht, bin ich mit dem Angesicht auf die Welt gerichtet. Es ist dagegen leicht, das Gesetz mehr als zu erfüllen, überfließend zu erfüllen, sobald mein Angesicht die Herrlichkeit der neuen Welt schaut.

Nicht ohne diese Welt

Ich will nicht versäumen, zu erinnern:

Der Himmel findet auf der Erde und inmitten der Welt statt.

Ich bleibe Mensch und erkenne die Welt neu, weil ich neu erkannt bin.

Wer die Welt nicht mag und darum zum Himmel flieht, der wird diesen Himmel leer vorfinden: Die Bewohner sind ausgeflogen in die Welt, die Gott geschaffen hat. Dort eifern sie, die Liebe Gottes zur Welt zu offenbaren.

(1)

Ein Lastenheft ist ein Dokument, in dem ein Auftraggeber alle Anforderungen und Wünsche an ein Projekt oder Produkt aus seiner Sicht vollständig und nachvollziehbar beschreibt – also was erreicht werden soll, nicht wie es technisch umgesetzt wird.

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