Mi 16.07.2025
Mt 11:25-27 Jesu Lobpreis und Heilandsruf
Der Text
25 Zu jener Zeit begann Jesus und sprach:
Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde,
weil Du dies vor den Weisen und Klugen verborgen
und es den Unmündigen offenbart hast.
26 Ja, Vater,
denn so war es wohlgefällig vor Dir.
27 Alles ist Mir übergeben von Meinem Vater,
und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater,
noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn
und der, dem der Sohn es offenbaren will.
Aus der Peschitta: Erkennen (יָדַע – yadaʿ) legt im Semitischen immer Beziehung nahe, nicht bloß Wissen.
Wie empfange ich Gott?
Nicht kontrolliert. Nicht im Ergreifen. Selbst nicht durch Klugheit und Weisheit.
Überhaupt: Nicht durch Erkenntnis von Gut und Böse – sonst hätte die Schlange recht, sonst hätte Eva alles richtig gemacht.
Der Baum der Erkenntnis im Garten Eden war ein Baum der Beziehung zu sich selbst!
Im hebräischen Urtext von Genesis 2,9 steht:
וְעֵץ הַדַּעַת טוֹב וָרָע
(veʿētz ha-daʿat tov va-raʿ)
= „und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“
Es ist die SELBE Wurzel: דַּעַת (daʿat) = Erkenntnis.
Adam erkannte Eva – es ist immer dieselbe Wurzel. Erkenntnis ist Vereinigung – nicht Addition!
Die Ursünde ist die Selbstliebe.
Selbst wenn es zu aller Weisheit und aller Erkenntnis von Gut und Böse führt.
Welterfahrung
Menschen glauben, erkannt zu haben, was gut ist und was böse ist. Sie setzen es zu einem politischen System, zu einer gesellschaftlichen Ordnung.
Gerade der Kommunismus wollte das Gute. Das Gute für jeden und die (gewaltsame) Ausrottung des Bösen.
Allerdings ist das Gegenteil nicht automatisch das Richtige (wie ich oft beschrieben habe). Auf diesem Wege findet sich die Lösung nicht.
Persönliche Erfahrung
Alle Gotteserfahrung ist ein Eintreten Gottes.
Ich kann Dich nicht erkennen, es sei denn Du berührst mich.
Und Du bist ein eifersüchtiger Gott.
Will ich zuvor in mir selbst erkennen – Du bleibst vor der Tür stehen und näherst Dich nicht.
Gotteserkenntnis ist auch ein intensiver Akt des Wegwendens vom Selbst- Erkennen-Wollen.
Gott gibt sich, wann ER will
Eva wollte nicht warten.
Aber Gott ist souverän.
Er verlässt den Garten Eden und kommt, wann Er will – manchmal erst am Abend.
Solange habe ich keine Erkenntnis. Solange gilt nur das: „Greife nicht nach jener Frucht“. Sondern warte. Warte auf mich.
Sich in sich selbst zu verlieben – was das Essen von jener Frucht wirklich bedeutet – blockiert die Möglichkeit, sich von Gott lieben zu lassen.
Das Ertragen des „noch nicht“ offenbart erst Liebe. Liebe wartet auf die Freiheit des anderen.
Das habe ich gerade gestern in der Eheberatung wieder als Thema gehabt.
Beispiel
Gestern hatte ich eine lange Konversation mit der KI über Blutzucker, Fett Auf- und Abbau, Insulin und die begrenzte Willenskraft geführt.
Das Ergebnis: Es ist besser, ausreichend lange Pausen zwischen dem Essen zu machen, als die Willenskraft für genau dosiertes Essen zu verbrauchen.
Ist das Insulin nicht lange genug aus dem Blut heraus, leert sich der Puffer des Zuckers in der Leber und den Muskeln nicht. Und mit Insulin im Körper wird kein Fett abgebaut – aber gern aufgebaut.
Ich lerne: Warten gegen Widerstand ist der Schlüssel.
Für meine Gottesbeziehung ist das nur ein Element.
Der Wille zum Warten quillt aus der Liebe und dem heiligen Respekt vor Gott.
Es ist aber – anders als beim Essen – kein stoisches Warten.
Es ist ein Warten, das Dich sucht.
Ein aktives Warten. Ein „Minus-Warten“.
Minus-Warten wähle ich in Anlehnung an Nassim Talebs „Via negativa“. Weglassen, was nicht hilft, ist besser, als immer neues hinzuzufügen.
Es geht wiederum zurück auf verschiedene Kirchenväter. Schön von Augustinus:
“Wenn du verstanden hast, was du erkannt zu haben glaubst,
ist es nicht Gott.“
(Sermo 117,3)
Ich bin noch ganz schlicht bei:
Ich will lernen, das Vorläufige loszulassen, um dem eigentlichen – Dich Vater – diesen nun leeren Platz zu bereiten.
Empfange die nächste Mahlzeit durch Leerlassen der Zwischenräume scheint mir eine schöne Übung dazu.
PS: Der „Wille zum Warten“ ist das Pendant zum „Gleich, ganz, gern“.
Sie gehören zusammen. Denn die Ungeduld liebt sich selbst – der Gehorsam liebt den andern.