Der Weg zum Dienst

Fr 12.09.2025

Lk 6:29-42 Von der Stellung zum Nächsten

Der Text

Aus dem Griechischen.

39 Er erzählte ihnen auch ein Gleichnis: Kann ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen?

40 Ein Jünger steht nicht über dem Lehrer; wer vollständig ausgebildet ist, wird wie sein Lehrer.

41 Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken aber in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?

42 Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: „Lass mich den Splitter aus deinem Auge ziehen“, während du den Balken in deinem eigenen Auge nicht siehst? Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann wirst du klar sehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.

Einordnung

Es ist die „Predigt auf dem Felde“, das Analoge von Lukas zur Bergpredigt, die Matthäus berichtet. Jesus lehrt hier die Stellung zum Nächsten – zu jedem Nächsten. Wie es gestern deutlich wurde: besonders den Feind.

Morgen wird es um den Baum gehen, den man an seinen Früchten erkennt.

Ein rechtes Leben vor Gott entscheidet sich nicht daran, ob ich wenig Fehler mache – sondern wer ich in dem Leben werde. Für den anderen werde.

Am anderen offenbart sich, wer ich bin.

Aufgabe

Ein Blinder soll nicht einfach aufhören, andere zu leiten – er soll ein Sehender werden. Ein Jünger, ein Schüler, soll nicht immer Schüler bleiben – er soll Lehrer werden.

Der Splitter im Auge des Bruders soll von mir entfernt werden. Ich reinige mein Auge, damit ich klar sehen kann. Nicht irgendetwas sehen kann, sondern die Not des Bruders.

Wenn also in der Therapie/Beratung jemand sich selbst erkennt, seine Belastungen und Traumata (wie es heute schnell heißt), dann nicht, um endlich ein leichteres Leben zu führen, um sich selbst zu verwirklichen und glücklich vor sich hin zu leben.

Sondern um das Erbarmen mit sich selbst nun auf den anderen zu richten. Die Klarheit des Sehens in den Dienst an der Ehe, der Familie, den Eltern tun zu können.

Solange ich dem anderen nicht hilfreich bin, zeigt sich darin ein Mangel an mir selbst. Bin ich vielleicht doch noch ein blinder Blindenführer? Denn ich lerne am Vorbild – dem, der mich um die Gruben herum geleitet hat, mir helfen wollte – und geholfen hat.

Reihenfolge

Wer meint, etwas zu sehen, besonders am anderen, der ist vielleicht dennoch noch nicht berufen, ihm zu helfen.

Denn vor allem steht die Liebe.

Die Liebe, die ERST an der Feindesliebe erkennbar ist.

Denn die Feindesliebe ist offensichtlich gelernte Liebe.

Sie fällt mir nicht zu.

Liebe ich meine Frau, können die Gefühle auch Hormone sein, Gewohnheiten oder ihre Eigenarten. Wie kann ich daran rechte Liebe erkennen? Das kann ich nicht!

Wer meint zu lieben, richte diese Liebe auf den nervigen Nachbarn – ist das liebende Herz dann auch noch liebend?

Am Ende wird es deutlich. Der Baum trägt Früchte, weil er von der Art ist. Nicht weil jemand Früchte an ihn gehängt hat (anders als beim Weihnachtsbaum).

Am Anfang steht also die Feindesliebe – oder die Liebe des „grauen“ Nachbarn, Kollegen – oder des merkwürdigen Verwandten.

Wie man dahin kommt, war gestern ein wenig Thema. Denn ein geforderter Weg ist immer auch ein verheißener Weg. Es ist ein Weg durchs finstere Tal – aber Gott führt mich, wenn ich mich darauf einlasse.

Selbsterkenntnis

Dies scheint mir ein zweiter Schritt.

Im Licht des Anspruchs der Feindesliebe kann und soll die Selbsterkenntnis reifen.

Ist mein lauter, nerviger Nachbar wirklich ein Monster?

Inwiefern bin ich Teil des Problems? Oder besser: Teil der Lösung!

Waren meine Eltern, meine Kindheit, meine Lebensumstände auch an meiner Prägung beteiligt – wie stelle ich mich heute selbst dazu?

Werde ich zu einer Person?

Erst die eigene, selbstbestimmte Stellungnahme drückt meine Freiheit, mein Person-Sein, meine Würde aus.

Werde ich vom Objekt zum Subjekt? Verantworte ich mein Da-Sein? Und damit mein eigenes Schuldig-sein.

Erst wenn ich mich als freier und verantwortlicher Mensch gerade hinstelle, kann ich schuldig werden – und damit vor Gott und von Gott her heil werden.

Dem, der hat, wird gegeben!

Das meint zuerst: Verantwortung.

Dem, der seine Schuld als seine Schuld annimmt, dem kann vergeben werden.

Wer sich eingesteht, dass seine Blindheit auch etwas war, was er selbst gewollt hat, ist einer, dem Jesus Christus von Herzen vergeben kann.

Als jemand, dem vergehen wurde, kann und will ich Menschen lieben, die schwierig sind, komisch sind. Die mir wehtun oder mich anstrengen.

Ich warte mit brennender Liebe auf sie – wie der Herr auf mich gewartet hat.

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