Mo 17.11.2025
Lk 18:35-43 Der Blinde von Jericho
Der Text
Aus dem griechischen Urtext (wörtlich):
35 Und es geschah, als Er sich Jericho näherte, saß ein Blinder am Weg und bettelte.
36 Und als er eine Volksmenge vorbeiziehen hörte, erkundigte er sich, was das sei.
37 Sie berichteten ihm, dass Jesus der Nazarener vorübergehe.
38 Und er schrie und sagte: Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!
39 Und die Vorausgehenden verwarnen ihn, er solle schweigen; er aber schrie viel mehr: Sohn Davids, erbarme dich meiner!
40 Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu Ihm zu bringen. Als er herangekommen war, fragte Er ihn:
41 Was willst du, dass Ich dir tun soll? Er aber sagte: Herr, dass ich sehend werde.
42 Und Jesus sagte zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dich gerettet.
43 Und sofort wurde er sehend und folgte Ihm nach und pries Gott. Und das ganze Volk, das es sah, gab Gott Ehre.
Mein blinder Freund
Er sagte mir, dass weder er noch die Blinden, mit denen er zusammenarbeitet, daran denken sehen zu wollen. Sie erleben und deuten ihr Blind-Sein als ein anderes Ganz-Sein, nicht als einen Mangel. Es geht ihnen eher um Barrierefreiheit, Respekt und echte Teilhabe. Ich hoffe, ich gebe ihn richtig wieder.
Ich folgere daraus, dass es in dieser Geschichte nicht zuerst um einen Blinden geht.
Sondern um einen Sehenden.
Warum schreit er?
Weil er mehr sieht, als alle anderen, die mit Jesus gehen.
Nämlich dass er Jesus nicht so sieht, wie er Jesus von ganzem Herzen, aus aller Kraft und mit allen Gedanken sehen will.
Unbedingt sehen will, koste es, was es wolle.
Ich zitiere das „Schma Jisrael“ aus Dtn 6,5
וְאָהַבְתָּ אֵת יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בְּכָל־לְבָבְךָ וּבְכָל־נַפְשְׁךָ וּבְכָל־מְאֹדֶךָ
veʾāhavtā ʾet Adonai ʾElohẹcha bechol-levāvecha uvechol-nafshẹcha uvechol-meʾodcha
„Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben
mit deinem ganzen Herzen,
mit deiner ganzen Seele,
und mit deiner ganzen Kraft.“
בְּכָל־לְבָבְךָ –
mit ganzem Herzen = mit deinem ganzen inneren Antrieb, Willen, Denken.
וּבְכָל־נַפְשְׁךָ –
mit ganzer Seele = mit deinem ganzen Leben, deiner Existenz.
וּבְכָל־מְאֹדֶךָ –
mit deiner ganzen Kraft / deinem ganzen Vermögen / deinem ganzen ‚Mehr‘ .
Dieser Schrei ist es.
Was ersehne ich in dieser Weise?
Ich weiß, dass der ganze laute Schrei schon ein gewisses „sehen“ Gottes voraussetzt. Zu diesem Sehen will ich hin.
Ich will Dich so sehen, dass meine Knie vor Furcht zittern und mein Herz Deine Liebe so erkennt, dass ich dennoch nicht fliehe.
So, dass ich mich nicht schäme zu schreien, egal, was andere sagen.
So, dass die Furcht vor Dir nur von der Furcht übertroffen wird, ohne Dich zu sein.
Schritte dorthin
Es zeigt sich mir, dass ich das Leiden Jesu betrachten soll.
Zumeist und zuerst in Seinem Volk Israel.
Was an Israel geschah, über die Jahrhunderte bis heute, geschieht am Leibe Jesu.
Der Schlachtruf „Juden raus“ (= ‚from the river to the sea‘) ist nahe dran am „Kreuzige ihn“ zu Karfreitag.
Und haben wir nicht Dein Volk gekreuzigt.
Ich betone, es ist nicht dasselbe wie das Kreuz Jesu. Aber nahe dran.
Gott in Christus auszupeitschen, ist singulär.
Sich ganz in der Nähe Deines Volkes aufzuhalten, dort wo sie beschimpft und ausgegrenzt werden (heute) und vielleicht morgen dort, wo ihnen Gewalt angetan wird.
In Dachau waren 2.579 kath. Priester eingekerkert.
Es erinnert mich an das Schweißtuch der Veronika oder an Simon von Kyrene, der Jesu Kreuz ein Stück trug.
Es ist besser, bei den Weinenden zu stehen, als bei den Lachenden.