Triff Gott in Jerusalem

Do 20.11.2025

Lk 19:41-44 Jesus weint über Jerusalem

Der Text

Aus dem griechischen Urtext:

41 Und als Er sich näherte und die Stadt sah, weinte Er über sie

42 und sagte: Wenn auch du erkannt hättest an diesem Tag, was zu deinem Frieden gehört! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen.

43 Denn Tage werden über dich kommen, da deine Feinde einen Wall gegen dich aufschütten, dich umzingeln und dich von allen Seiten bedrängen

44 und dich samt deinen Kindern in dir zu Boden werfen und in dir keinen Stein auf dem anderen lassen werden, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.

Peschitta (Syrisch-Aramäisch)

„weinte“ wird im Aramäischen mit bəkā wiedergegeben – ein Verb für lautes, hörbares Weinen.

Laut weinen

Gott wurde ganz Mensch. Und darin erlebt Er das Leid an der Welt ohne Maß.

In der ganzen Ohnmacht eines Gottes, dessen Liebe zu den Menschen Ihn zu einem Respekt zwingt, der Ihn selbst leiden lässt.

Wo ist solch ein Gott!

Und Er weint laut. Alle Welt sieht und weiß (auch durch Lukas), dass dies ein verletzlicher Gott ist. Ein Gott, dem eine Stadt etwas ausmacht.

Warum eine Stadt, warum Jerusalem?

Eine Stadt

Eine Stadt ist der Ausdruck des Überschusses der Menschen.

Mehr als bei einem Bauernhof auf dem Land, bei dem es zumeist um die eine Familie vor Ort und ihre Existenz geht.

Es geht bei einer Stadt um Kultur und Schönheit. Es geht um Nähe und Geborgenheit. Es geht darum, nicht von der Hand in den Mund zu leben, sondern etwas über sich selbst hinaus zu schaffen.

Nicht durch Instinkt, wie bei Ameisen, sondern durch Vernunft und den Willen zu mehr als das, was meinem eigenen Leben dient.

Also drückt eine Stadt Gott mehr aus, als ein Dorf.

Sie offenbart den Gott, dessen Liebe immer zu einem Überschuss führt.

In diesem Sinn liebt Gott Jerusalem, weil Er sich in ihr ein wenig wieder erkennt.

Leid ist Leid

Leid hat auch oft eine Funktion. Es prüft, es reinigt, es bereitet.

Aber es bleibt Leid, nichts in sich Gutes.

Und es entsteht durch mein Misstrauen gegen Gott.

Meine Respektlosigkeit und meine Gleichgültigkeit.

Meine Selbstliebe und mein Schauen auf meine eigenen Füße.

Gott schaltet Schuld nicht einfach aus, wie ich das Licht mit einem Lichtschalter ausschalte.

Jede, ich betone: Jede Schuld fügt Gott Leid zu.

Und gerade jenem Gott, der diese Ungerechtigkeit, die ich Ihm zufüge, ganz offensichtlich nicht verdient hat.

Er, der mir alles gab und mich auch jetzt am Leben erhält.

Warum sollte ich gerade Ihm nicht trauen?

Wie kann ich Dich trösten, mein Gott?

Triff Gott in Jerusalem

Im kleinen, in dem ich hoch achte, was Er hoch achtet.

Die Menschen selbst, aber auch die Dinge, die das Wesen des Menschen ausdrücken.

Zum Beispiel:

Geistig:

Die verbindliche Gemeinschaft.

Die Kirche.

Deutschland

Seelisch:

Kunst und Kultur.

Schönheit und Geschichte.

Körperlich:

Werke des Menschen.

Aber im Zentrum für mich als Kind Israels steht Israel selbst.

Und: Jerusalem.

Es gibt kein anderes Land, als dieses, für die Juden – und damit auch für mich, der ich ein Zweig in diesem Ölbaum bin.

Gott trifft mich persönlich – leiblich – in und durch Jerusalem.

Vielleicht wie „der Saum des Gewandes Jesu“, siehe Der Saum des Gewandes Jesu.

Wenn Du um diese konkrete, irdische Stadt weinst – wie sollte ich dann distanziert daneben stehen?

Im Frühjahr 1967 dichtete Naomi Shemer einen Liedtext.

Wenige Wochen später kam es zu dem Sechstagekrieg.

Jordanien griff am ersten Kriegstag Israel an (Artillerie auf West-Jerusalem), obwohl Israel zuvor mehrfach über diplomatische Kanäle um Neutralität gebeten hatte.

Israel reagiert und eroberte die Altstadt von Jerusalems und die Klagemauer (Kotel).

Wer diese Lied recht hört, hat Anteil am Herzen Gottes:

(In der Übersetzung geht vieles verloren, etwas ist aber noch zu ahnen).

Yerushalayim Shel Zahav“ – „Jerusalem von Gold“.

Die Luft der Berge ist klar wie Wein,

Und der Duft der Pinien

schwebt auf dem Abendhauch.

und mit ihm, der Klang der Glocken.

Und im Schlummer von Baum und Stein, gefangen in ihrem Traum;

liegt die vereinsamte Stadt

und in ihrem Herzen eine Mauer.

Jerusalem aus Gold

und aus Kupfer und aus Licht,

lass mich doch, für all deine Lieder, Geige sein.

Wie vertrocknet die Brunnen sind,

wie leer der Marktplatz.

Keiner, der den Tempelberg besucht, in der alten Stadt.

Und in den Höhlen der Felsen, heulen die Winde.

Und es gibt keinen, der hinabstiege zum Toten Meer, auf der Strasse nach Jericho.

Jerusalem aus Gold

und aus Kupfer und aus Licht,

lass mich doch, für all deine Lieder, die Geige sein.

Aber als ich heute kam, um für Dich zu singen,

und Dir Kronen zu binden,

da bin ich doch das geringste all Deiner Kinder, der letzte dem es zustünde, Dich zu besingen.

Brennt doch Dein Name auf den Lippen, wie ein Kuss der Serafim:

Wenn ich Dein vergäße – Jeruschalajim, Du ganz und gar Goldene.

Jerusalem aus Gold

und aus Kupfer und aus Licht,

lass mich doch, für all deine Lieder, die Geige sein.

Ja, wir sind zurückgekehrt,

zu den Brunnen, zum Markt und Deinen Plätzen.

Der Klang des Schofars hallt über dem Berg, dort in der Altstadt.

Und in den Höhlen am Felsen scheinen Tausende von Sonnen.

Lass uns wieder hinabsteigen zum Toten Meer, über die Straße nach Jericho.

Jerusalem aus Gold

und aus Kupfer und aus Licht,

lass mich doch, für all deine Lieder, die Geige sein.

Quelle: haGalil

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