Die Menschen brauchen Dich

Sa 06.12.2025 🌷 Jessi

Mt 9:35-38;10:1.6-8 Die große Ernte; Aussendung der zwölf Jünger

Der Text

Aus dem griechischen Urtext:

35 Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.

36 Als Er aber die Volksmengen sah, wurde Er innerlich bewegt, weil sie erschöpft und zerstreut waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.

37 Dann sagt Er zu Seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, die Arbeiter aber sind wenige.

38 So bittet den Herrn der Ernte, dass Er Arbeiter in Seine Ernte aussende.

10,1 Und Er rief Seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Vollmacht über unreine Geister, sie auszutreiben und jede Krankheit und jedes Gebrechen zu heilen.

10,6 Geht vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

7 Geht hin und predigt und sagt: Das Reich der Himmel ist nahe gekommen.

8 Heilt Kranke, weckt Tote auf, reinigt Aussätzige, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebt.

In 9,36 steht im Aramäischen ein Ausdruck, der „innerlich bewegt“ noch stärker im Sinn von erbarmender Zuwendung wiedergibt: das Verb ܪܚܡ (raḥam), verwandt mit „Barmherzigkeit“, „Mutterschoß“.

Jesus begegnen

Was erlebe ich, wenn ich Jesus begegne?

Er kam aus der Herrlichkeit des Himmels. Aus dem Ort, an dem er in köstlicher Gemeinschaft mit dem Vater und dem Geist war.

Warum?

Weil Er das Erbarmen empfinden wollte wie ein Mensch, wie eine Mutter Erbarmen über ihr Kind empfindet.

Ich erlebe Jesus als den Leidenden.

Auch heute. Gerade heute.

Will ich also so von mir absehen, von meiner Freude an Ihm und meiner Seligkeit, dass ich den Schmerz empfinde, den Du empfindest?

Zustand der Menschen um mich herum

Ich sehe den Schmerz der Menschen, sobald ich aufhöre, sie in Bezug auf mich zu sehen.

Ich sehe eine Flut von Schmerz, die sich etwa in Piercings und Tattoos ausdrückt. Als Phänomenologe sehe ich die laute Botschaft auch durch alle Mode und Gruppenzugehörigkeiten hindurch. Ein Schrei nach Identität, der den Mangel an Personalität ausgleichen soll. Ein zumeist tiefe, unbewusste Symbolik von Not – gerade in den Orten des Piercings.

Überall Geschrei.

Oder in der Epidemie der psychischen Erkrankungen gerade in der Altersgruppe der 10-14-Jährigen. Depressionen, ADS, ADHS, Autismus, Angststörungen, Essstörungen, Selbstverletzungen.

Oder die Einsamkeit vieler Menschen, auch in Gemeinschaft, ja selbst in der Ehe.

Ich kann Jesus nicht dauerhaft nahe sein, wenn ich nicht auch den Blick Seiner Augen zulasse: Sieh doch, es jammert mich. Bitte den Herrn der Ernte um Arbeiter.

Sich aussetzen

Dass ich so wenig Vollmacht habe, hängt vermutlich mit meinem Herzen zusammen. Wie viel Platz ist da immer noch mit mir selbst belegt?

Viel. Zu viel.

Gestern schrieb ich, der erste Schritt ist Gnade. Die Gnade, die Not, den Mangel zu erkennen und zuzulassen.

Ich brauche Dich, rief ich gestern. Ja.

Heute will ich erkennen, wie sehr die Welt Dich braucht.

Indem ich Dich ansehe – und indem ich in und durch Deine Augen die Welt um mich herum ansehe.

Und ihren Schmerz an mich heranlasse.

Ich glaube, es spielt am Ende keine Rolle, ob Du mich zu Menschen sendest oder andere. Die längste Zeit und die Grundlage des Geschehens ist die Annahme der Verbundenheit mit den Menschen, der Not, der Schmerzen.

Dein Piercing ist mein Schmerz, deine Einsamkeit ist meine Einsamkeit, dein Schrei nach personaler Identität ist meiner, deine Sehnsucht nach Heimat ist meine.

Dann wird der Herr der Ernte Wege bahnen, die ich nicht kenne.

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