Gnade und Gefahr des verborgenen Jesus

Mi 21.01.2026

Mk 3:1-6 Jesu Heilung am Sabbat

Der Text

Aus dem griechischen Urtext.

1 Und Er ging wieder in die Synagoge hinein. Und dort war ein Mensch, der eine verdorrte Hand hatte.

2 Und sie beobachteten Ihn, ob Er ihn am Sabbat heilen werde, damit sie Ihn anklagen könnten.

3 Und Er sagt zu dem Menschen mit der verdorrten Hand: Steh auf und tritt in die Mitte.

4 Und Er sagt zu ihnen: Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, ein Leben zu retten oder zu töten? Sie aber schwiegen.

5 Und Er blickte sie ringsum an mit Zorn, zugleich betrübt über die Verhärtung ihres Herzens, und sagt zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus. Und er streckte sie aus, und seine Hand wurde wiederhergestellt.

6 Und die Pharisäer gingen hinaus und fassten sogleich mit den Anhängern des Herodes den Beschluss gegen Ihn, wie sie Ihn umbringen könnten.

Hinweise aus der Peschitta

• „verdorrte Hand“

ybiš = vertrocknet, ausgetrocknet, kraftlos geworden.

Nicht nur körperlich, sondern Bild für erstarrte Wirksamkeit.

• „Steh auf, tritt in die Mitte“

Syrisch betont stärker das Hinstellen vor allen.

Kein neutrales „Komm“, sondern ein bewusstes Sich-Aussetzen.

• „ein Leben retten oder töten“

maḥe nafšā = das Leben schlagen / antreiben / beleben.

Leben ist etwas Dynamisches, nicht bloß Erhaltung.

• „sie schwiegen“

Schweigen als aktives Verstummen, nicht als ratlose Pause.

• „Verhärtung ihres Herzens“

qašyā = hart, unbiegsam, widerständig.

Betonung liegt auf Widerstand gegen Ansprache.

• „und seine Hand wurde wiederhergestellt“

hapak = umkehren, zurückwenden.

Nicht nur Heilung, sondern Rückkehr zur Bestimmung.

Ist es nicht eine unnötige Provokation?

Sie lauerten darauf, ob Er am Sabbat heilen werde.

Gibt es keinen Weg in die Herzen der Menschen, ohne sie so zu provozieren, dass sie am Ende Jesus wirklich töten werden?

Oder wäre es nicht besser, weiter zu lehren und zunächst Vertrauen aufzubauen?

Die Hand des Mannes hätte doch auch nach Sabbatausgang noch geheilt werden können.

Mir scheinen besonders zwei Gründe auf, warum das nicht recht wäre.

Was ist das Problem der Pharisäer?

In manchen islamischen Ländern werden Menschen, die das Gesetz brechen, hart bestraft. Bis hin zur Tötung.

Jesus hat nach Überzeugung der Pharisäer das vielleicht wichtigste Gebot gebrochen. Aber ging es darum?

Wenn ja, ginge es uns kaum etwas an, denn so sind wir nicht.

Aber es geht uns etwas an.

Die Oberen des Volkes hatten den Auftrag, den Gott, der sich nun seit Jahrhunderten kaum offenbart hatte, den Menschen nahezubringen. So wie es Rabbi Hillel vielleicht getan hat.

Und nun kommt Gott in Sein eigenes zurück und offenbart sich, wie Er wirklich ist.

Doch recht anders als die Verwalter Ihn vorgelebt haben.

Diese Offenbarung deckt die innere Schuld auf. Die Schuld, Gott nicht geliebt zu haben, sondern mit Selbstliebe beschäftigt gewesen zu sein. Und daher den Nächsten nicht geliebt zu haben.

Und sie sind es, die die Deutungshoheit haben.

Wenn dieser Jesus die Offenbarung Gottes ist, dann sind sie nicht Lehrer des Volkes, sondern Verblender des Volkes – letztlich Verführer. Blinde Führer nennt Jesus sie.

Zwischenruf: Sind wir Christen nicht „Brief Christi“? Und schauen die Menschen nicht in mein Angesicht, um sich zu fragen: „Der ist also Christ – so ist also Christsein.“ Schauen sie nicht in mein Leben und hören meine Worte als Worte eines Christen?

Haben wir nicht ähnliche Verantwortung vor den Menschen wie jene zu ihrer Zeit?

Geistige Reife

In gewisser Weise waren die Pharisäer geistig fortgeschrittene.

Zumindest in ihrem Selbstanspruch – was ich für tapfer halte und gut.

Aber es führt dazu, dass das Eingestehen eines Fehlers viel kostet.

Wer bin ich, wenn all mein Reden und Handeln sich in einem Augenblick als bei weitem unzureichend, ja böse offenbart.

Ich verliere den Sinn meines Lebens.

Es ist wohl eine Art Todesangst.

Gesellschaftliche Stellung, Autorität, Inhalt des ganzen Lebens – alles infrage gestellt. Vor Menschen – schlimmer aber: vor mir selbst.

Einer wird sterben: Er oder ich.

Und wirklich: Wenn ich nicht vor Jesus sterbe – ich werde Ihn sterben lassen.

Heil

Das Heil kommt nicht über mich wie ein Schneesturm in Russland.

Sondern immer durch meinen eigenen Tod hindurch.

Aber ich kann mir selbst nur sterben, wenn es ein Dennoch gibt.

Etwas milde betrachtet:

Ich muss glauben, dass dieser Eine da, vor mir, mich liebt und „will, dass ich sei“ obwohl ich so selbstsüchtig bin.

„Ich will, dass du bist“ ist ein anderes Wort für Lieben.

Ich nehme diese etwas griechisch wirkende Formel von Josef Pieper und sage:

„Ich will, dass du lebst. Ein überfließendes, gewolltes, sinnvolles – ja herrliches Leben lebst.“

Ich habe die Wahl zu glauben, dass ich dieses im Loslassen des Eigenen erhalte – von Jesus her.

Und dazu muss Jesus offenbaren, dass Er ebendieser ist, der nichts scheut, um Leben zu wecken.

Die verdorrte Hand des Mannes ist nicht tödlich. Vermutlich lebt er damit schon länger.

Aber sie ist nicht die volle Hand-lungsfähigkeit, das volle wirksame Leben.

Jesus sagt in der Heilung symbolisch zu den Pharisäern:

„Siehe, ich will das volle Leben für diesen – und für euch. Fürchtet euch nicht.“

Damit ist das klare Licht so im Raum, dass es zur endgültigen Scheidung kommt.

Im Licht Jesu wird meine Verantwortung präsent und unausweichlich.

Gnade der Verborgenheit

Im Alltag scheint solches nicht so deutlich sichtbar.

Vielleicht weil der Herr geduldig wartet, bis mein Herz bereit ist.

Vielleicht weil ich beharrlich wegschaue, um das nicht zu sehen, was das Licht beleuchtet.

Gefahr

Das Leben verrinnt.

Nicht nur, dass es mit dem Tod endet.

Auch im Leben selbst ist jeder Tag der Selbstsorge ein verlorener, ja böser Tag.

Will ich denn den Schmerz Jesu?

Er schaut mit Zorn und zugleich betrübt (V5) auf alle ringsum. Auf mich.

Der Zorn zeigt die Ohnmacht der Liebe.

Nur ich kann Ihm antworten und Sein Leid lindern.

Dich zu lieben heißt, Dein Licht zu suchen, damit es meine Selbstsucht offenbart, in jedem Moment des Alltages.

Das will ich nur, wenn ich Dich will (also an Dich glaube).

Suche ich das Licht nicht, suche ich die Dunkelheit meines privaten Lebens, um mich in ihm vor Dir zu verstecken.

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