Die Schrift als Geburtshelferin des Gewissens

Sa 14.02.2026 Gedenktag der Hl. Kyrill und Methodius

Lk 10:1-9 Aussendung der 72 Jünger

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext:

1 Danach aber setzte der Herr zweiundsiebzig andere ein und sandte sie je zwei vor Seinem Angesicht her in jede Stadt und jeden Ort, wohin Er selbst kommen wollte.

2 Er sprach aber zu ihnen: Die Ernte ist groß, die Arbeiter aber sind wenige. Bittet nun den Herrn der Ernte, dass Er Arbeiter in Seine Ernte aussende.

3 Geht hin! Siehe, Ich sende euch wie Lämmer mitten unter Wölfe.

4 Tragt weder Beutel noch Tasche noch Sandalen, und grüßt niemanden auf dem Weg.

5 In welches Haus ihr aber eintretet, sagt zuerst: Friede diesem Haus!

6 Und wenn dort ein Sohn des Friedens ist, wird euer Friede auf ihm ruhen; wenn aber nicht, wird er zu euch zurückkehren.

7 In demselben Haus aber bleibt und esst und trinkt, was bei ihnen ist; denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Zieht nicht von Haus zu Haus.

8 Und in welche Stadt ihr kommt und sie euch aufnehmen, esst, was euch vorgesetzt wird,

9 und heilt die Kranken in ihr und sagt ihnen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.

Zweimal geht es ums Essen

Dabei geht es nicht um das Essen selbst, sondern darum, gerade das zu essen, was den Boten Jesu vorgesetzt wird.

Warum wird es so betont?

Ich deute es so, dass es eine Anpassung an die Kultur der Menschen ist, mit denen ich zu tun habe. Ich erlebe in der Seelsorge/Beratung sehr unterschiedlich geprägte Menschen, gerade wenn der Altersunterschied groß ist. Ebenso am Israelstand auf dem Markt.

Es ist nötig, die eigene Blase zu verlassen und zwischen dem zu unterscheiden, was substanzielle Botschaft ist und was Rahmen, Sprache, Kultur (oder auch Unkultur) ist.

Das Heilige soll die Welt durchdringen und opfert dabei Formen der eigenen Kultur und Identität.

Besonders fällt dies bei den Heiligen des Tages auf, Kyrill und Methodius.
Entgegen einem erdrückenden Standard, die Liturgie nur in den drei Sprachen zu vollziehen, die auf dem Schild am Kreuz Jesu waren (Hebräisch, Griechisch, Lateinisch) erreichte Kyrill beim Papst etwas Neues. Die Sprache der Völker, in die er ging, slawisch, durfte als Sprache für Liturgie und Bibel verwendet werden.

Kyrill hat überhaupt erst die Schriftsprache für den slawischen Raum erfunden und eingeführt.

Das führt mich zu der Frage der Bedeutung der Schrift für die Menschen.

Wozu Schrift

Historisch wurde die Schrift besonders für den Handel und die Verwaltung eingesetzt. Dass Gott auf steinernen Tafeln die „zehn Worte“ schreibt und sich damit ein Stück den Menschen ausliefert, ist etwas ganz Neues, Gewaltiges.

Im Judentum wird die Schrift zum Bundeszeichen zwischen Gott und Israel.

Ich sehe eine fundamentale Entwicklung darin. Und ich vereinfache hier, was ich im Vorfeld mit Spannung betrachtet habe:

Vor der Schrift ist alles mündliche Überlieferung und Tradition. Die Kultur hängt ganz an der Gemeinschaft. Zerstreuung und Vereinzelung würden zum Untergang von Kultur und Religion führen.

Mit der Schrift hat eine neue Generation direkten Zugang zur Weisheit der vorherigen. Und außerdem hat der Einzelne, wenn er es denn kann, unabhängigen Zugang zu diesem Schatz.

Insgesamt stärkt dieser Weg den Einzelnen und stellt ihn in seinem je eigenen Gewissen vor die Wahrheit Gottes.

Das alles in Jahrhunderte dauernden Etappen.

In deiner Sprache

Mit dem Zugang der heiligen Schriften in die Landessprache entsteht ein Schub in Richtung Unabhängigkeit – aber auch in Vereinzelung.

In Deutschland mit Luther, dann mit dem Buchdruck und dem Schulwesen, gewinnt dies an Dynamik. Jeder kann nun prüfen, ob es schriftgemäß ist, was der Pastor sagt, so auch die Intention Luthers.

Ich nenne das: die Pubertät der Welt.

Von der unmittelbaren Nähe und Bindung zur Selbstständigkeit in Freiheit.

Aber Pubertät hat eine Aufgabe, sie ist nicht das Ziel selbst.

Sie gibt dem Menschen den Raum, sich nun in Liebe neu zu binden.

Denn ohne Bindung gibt es nicht das Dritte: den Überschuss, die Frucht.

Die Würde besteht nun darin, aus diesem Raum der Freiheit in eigener Verantwortung in Bindung einzutreten. Darum geht es.

Dazu braucht es den Rückblick auf das, was die Kostbarkeit der Bindung ausmacht.

Das „Rückbinden“ → Religio.

Verlust der Wurzel

Geht die Erkennbarkeit des Wertes der Bindung zurück, entsteht eine große Gefahr. Zum einen in der starken Überindividualisierung und Vereinzelung.
Aber ebenso in der Anfälligkeit für ungeprüfte und unbewährte Ideologien und Bindungen.

Was bedeutet es, wenn immer weniger Menschen wertvolle Literatur lesen. Literatur, die das Kondensat ihrer Kultur und die Illustration des Wertes der Bindung sind?

Wenn Texte flüchtig werden und Kontext zerfällt, wenn Bilder Argumente ersetzen und Wahrheit von Aktualität verdrängt wird?

Wer kennt nicht die vielen Menschen, die die Geschichte ihres Volkes nicht mehr kennen – aber am Ruder der Macht teilhaben?

Fruchtbarkeit entsteht nicht durch Balance oder Wahl zwischen Freiheit und Bindung. Sondern aus der sich gegenseitig befruchtenden Spannung daraus.

Die Aufgabe der Zeit

Kyrill hat den Slawen mit seiner Arbeit eine Tür geöffnet. Eine Tür in mehr Freiheit – aber auch in mehr Verantwortung.

Das war seine Zeit.

Heute ist eine andere Zeit.

Es ist die Zeit, in der es gilt, in Freiheit Bindung wieder zu entdecken – und einzugehen.

Eine Ehe, die allein aus z. B. christlicher Tradition gebunden lebt ist kein Vorbild. Sondern eine Ehe, in der die Kostbarkeit des Anderen mit ganzem Herzen gesucht und gefördert wird. Sie gebiert Frucht, die allein dem Reich Gottes entspricht.

PS:

Ich sehe, dass dieser Text extrem komprimiert ist.
Er basiert auf hunderten von Betrachtungen.

Aber es ist nötig, es zu nennen, damit die Gedanken über Schrift ein wenig aufleuchten können. Diese sind mir selbst neu, heute erstmalig bewegt.

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