Wie können wir lieben?

Di 24.02.2026

Joh 15:9-17 Das Gebot der Liebe

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext:

9 Wie Mich der Vater geliebt hat, so habe auch Ich euch geliebt. Bleibt in Meiner Liebe.

10 Wenn ihr Meine Gebote haltet, werdet ihr in Meiner Liebe bleiben, wie Ich die Gebote Meines Vaters gehalten habe und in Seiner Liebe bleibe.

11 Dies habe Ich zu euch geredet, damit Meine Freude in euch sei und eure Freude erfüllt werde.

12 Das ist Mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie Ich euch geliebt habe.

13 Größere Liebe hat niemand als diese, dass einer sein Leben hingibt für seine Freunde.

14 Ihr seid Meine Freunde, wenn ihr tut, was Ich euch gebiete.

15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe Ich Freunde genannt, weil Ich euch alles kundgetan habe, was Ich von Meinem Vater gehört habe.

16 Nicht ihr habt Mich erwählt, sondern Ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe, damit, was immer ihr den Vater bittet in Meinem Namen, Er es euch gebe.

17 Dies gebiete Ich euch, dass ihr einander liebt.

Anmerkungen zur Peschitta (Syrisch-Aramäisch):

V.9 „Bleibt“ – aramäisch (qaw) im Sinne von „verharren, festbleiben“. Der Akzent liegt stärker auf beständigem Verweilen als auf einem bloßen inneren Zustand.

V.10 „haltet“ – (netrun) von נטר, „bewahren, hüten“. Das Gebot wird wie ein anvertrautes Gut verstanden.

Zu wenig

Ich sage: Am anderen festhalten und ihm treu sein ist nötig – aber nicht hinreichend.

In der Seelsorge erlebe ich: Wenn jemand einfach treu am anderen festhält, kann die Treue selbst zu einem Götzen werden.

Die Treue ist ein Raum, aber kein Inhalt.

Ein Raum kann eine Weile verwaist sein – es ist aber nicht sein Wesen, nichts weiter zu bewahren als sich selbst.

Treue ohne Inhalt kann sogar zu einem Ausbrennen der inneren Kraft führen, zu einer dauerhaften Unterzuckerung. Die Fähigkeit zur Liebe wird dann langfristig leiden und auch eine gesunde Antwort auf die Leere des Raumes kann nicht mehr gespürt und angenommen werden.

Das führt entweder zu einem langsamen Erstarren und innerem Sterben, oder zu einem extremen Ausbruch. Solche Ausbrüche zeigen sich meist in einem Akt der Zerstörung.

Der Blick auf die Treue allein ist doch wieder nur ein Blick auf mich selbst.

Der Weg zur Liebe

Liebe ist nichts, was ich produzieren kann. Sie ist in mir angelegt. Niemand ist ohne Liebe.

Aber wen meint die Liebe?

Wenn ich den Anderen neben mir liebe – liebe ich dann ihn selbst?
Oder liebe ich die erwartete Frucht der Liebe? Zum Beispiel die Gegenliebe, die Nähe, die Sicherheit, die Bestätigung oder das Image, das eine Liebesbeziehung hat?

Dann ist es weiter Selbstliebe.

Selbst wenn der Andere ein überaus liebenswerter Mensch ist (was im Grunde jeder ist) und dieser Andere mich über alles liebt – es wird nicht funktionieren.
Das sehe ich daran, wie mangelhaft ich Jesus Christus liebe, wo ich doch allen Grund dazu habe.

Welchen Weg kann ich gehen?

Betrachtung

Weit unterschätzt wird die Betrachtung des Anderen.

Das lange, gesammelte Nachsinnen über den Anderen als Anderer selbst. Nicht nur in Bezug auf mich.

Mir selbst hilft es sehr, zu betrachten, dass Gott Mensch geworden ist und sich selbst Menschensohn nennt. Die Betrachtung des Kreuzes, wie sie von Heiligen empfohlen wird, ist mir oft zu groß und zu viel. Ich will mich dem aber annähern.

Gott wollte nicht – so wie ich – im schönen Himmel bleiben. Dem, dem ich doch nachjage. Nein, Er wollte viel lieber der Frau Maria ein Sohn sein.
Jemand für jemanden anderen sein.

Und damit diesem Anderen die Würde der Unverzichtbarkeit für das Sein des Universums geben.


Das möchte ich nicht zu wenig tun, dann aber doch weitergehen.

Die Freude in mir finden

Die Freunde Jesu sind die Freude Jesu. Welch schönes, gültiges Wortspiel. Es gilt auch andersherum.

Die Freude Jesu ist die freie Zustimmung der Jünger in die Wahrheit Jesu, die Wahrheit Gottes.

Dass nämlich meine eigene Freude nicht in mir zu finden ist, sondern im Anderen.

Dabei ist Freude nicht eine Ergänzung zum übrigen Leben und nur eine nette Erscheinungsform neben allem anderem.

Es ist Substanz und Inhalt der menschlichen Person – und des Menschensohns selbst.

Die Freude des Vaters ist der Sohn, der lebt wie ein Sohn. Und die Freude des Sohnes ist meine Zustimmung zu Seinem Wesen: die Freude am Anderen zu entdecken.

Pausen der Freude

Der Glaube braucht die Pause der Freude, denn in der Freude brauche ich den Glauben nicht.
Aber das Ziel allen Glaubens ist die Freude – nicht der Glaube selbst.

Die Freude, die sich so sehr im anderen finden kann, dass das eigene Sterben diese Freude gar nicht auslöschen kann.

Herrlich.

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