Allein aus Gnade?

Fr 27.02.2026

Mt 5:20-26 Die neue Gerechtigkeit

Der Text

Aus dem Urtext.

20 Denn Ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit über die der Schriftgelehrten und Pharisäer hinausgeht, werdet ihr keinesfalls in das Reich der Himmel hineingehen.

21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: Du sollst nicht töten; wer aber tötet, wird dem Gericht verfallen sein.

22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, wird dem Gericht verfallen sein; wer aber zu seinem Bruder sagt: Raka!, wird dem Synedrium verfallen sein; wer aber sagt: Du Narr!, wird dem Feuer der Gehenna verfallen sein.

23 Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat,

24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh zuerst hin, versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bring deine Gabe dar.

25 Sei deinem Gegner schnell wohlgesinnt, solange du mit ihm auf dem Weg bist, damit dich der Gegner nicht dem Richter überliefert und der Richter dem Diener und du ins Gefängnis geworfen wirst.

26 Amen, Ich sage dir: Du wirst von dort nicht herauskommen, bis du den letzten Quadrans bezahlt hast.

Anmerkungen zur Peschitta (Syrisch-Aramäisch):

– „zürnt“: (rgez) – inneres Erzittern, Erregtsein; umfasst affektive Bewegung, nicht nur rationalen Zorn.

– „Raka“ bleibt als aramäischer Ausdruck (rāqā) erhalten – „Leer(-kopf)“, Ausdruck der Geringschätzung.

– „wohlgesinnt sein“ (V.25): (’et-ra‘ā) – sich aussöhnen, sich innerlich besänftigen; stärker versöhnender Klang als bloß juristische Einigung.

Wie klingt dieser Text?

Er klingt so radikal, dass es verständlich ist, wenn Christen eine Abkürzung suchen. Eine Abkürzung ist: Alles hat Jesus für mich getan, Seine Gerechtigkeit überhüllt mich ganz. Ich tue, was ich kann, aber das Eigentliche tut Jesus. Er erfüllt für mich den Anspruch des Vaters. Ich bin allein aus Gnade gerettet.

Und muss ich denn nicht vor diesem Anspruch fliehen?

Gerade angesichts meiner Kraftlosigkeit, meiner Ungenauigkeit, meiner menschlichen Schwäche?

Aber:

Warum ist Jesus dann so detailliert? Warum zeigt er verschiedene Stufen auf? Das wäre gar nicht wichtig, wenn alles aus Gnade weggewischt wäre.

Das Putztuch Gnade ist so groß, da kommt es auf die Details doch nicht an – oder?

Thora

Der Weg des Heils startet nicht erst bei Paulus.

Sondern er startet in der Thora. Die Thora, die Jesus in aller Frische neu verkörpert, genauer: verleiblicht.

Denn nicht die Gnade allein deckt alle Sünden zu, sondern die Liebe.

Und die Liebe ist leiblich konkret.

Das finde ich ganz am Anfang, im Wort „Gerechtigkeit“.

Gerechtigkeit

Gerechtigkeit hat mit dem Bund zu tun. Es ist eine Frage der Beziehung – nicht eines abstrakten Gesetzes.
Darum ist auch die Thora mehr ein Buch über Beziehung als über ein Gesetz, eine reine Ordnung.

Das Gesetz ist erfüllt, zu 100 % erfüllt, wenn:

ich den Herrn, meinen Gott, liebe mit meinem ganzen Herzen und mit meiner ganzen Seele und mit meinem ganzen Denken.

(Mt 22 und 5. Mo 6:5)

Und meinen Nächsten liebe wie mich selbst.

(3. Mo 19:18).

Wenn ich also ganz der Thora folge.

Dann ist alles erfüllt, was Paulus sagt und was Jesus sagt, also was Gott sagt.

Wie kann ich ganz lieben?

Indem ich zum einen auf die Gnade schaue (wie Paulus sagt) und zum anderen darauf, ob mein Herz dieser Gnade glaubt.

Das sehe ich ganz genau an der Bergpredigt, also auch an diesem Abschnitt.

Folge ich ihm nicht, glaube ich nicht in der Tiefe, um die es geht.

Auf die Gnade zu schauen ist viel mehr, als einen Blick darauf zu werfen.

Die Gnade ist der Ort, an dem ich immer wieder neu anfange. Der Ort, der Bundestreue Gottes. Er war treu, als ich noch nichts von Treue wusste. Und Er bleibt treu, solange mein Herz in mir schlägt.

Aber Er würdigt mich, Ihm treu zu sein – oder nicht.

Ihm nicht treu zu sein ist: Den Bruder Hohlkopf zu nennen.

Den Bruder, dem mein Vater treu ist.

Ich breche die Treue zum Bund und wende mich weg vom Vater. Und ich trete so unter das Gericht des Bundes.

Und dabei verliere auch die Kraft, die aus der Nähe zu Gott und Seinem Wort kommt.

Beispiel

Jedes Beispiel hat seine Begrenzungen, das im Kopf nenne ich eines:

Vor über 20 Jahren wollte ich gern Hebräisch lernen.

Und bin damit gescheitert.

Heute lerne ich wieder Hebräisch. Und es ist anders.

Denn seit dem 7. Oktober 2023 habe ich intensiv mit meinem Vater im Himmel über Israel gesprochen (siehe viele Andachten aus dieser Zeit).

Ich habe „auf das geblickt, worauf der Vater blickt“. Mit einem verweilenden Blick, mit einem brennend interessierten Blick.

Und nun: Seit Januar 2024 habe ich wieder mit Hebräisch angefangen. Im Durchschnitt eine Stunde pro Tag. Und inzwischen sind es in der Regel zwei Stunden.

Nicht, weil „Gott es gesagt hat“.

Sondern weil ich Seinen Blick auf Israel spüre, erkenne, mich in ihn (den Blick) verliebt habe.

Darum liebe ich es, Hebräisch zu lernen. Obwohl ich Sprachen sehr schlecht lerne und das mit dem Alter noch schlechter geworden ist.

Denn ich brauche nun viel weniger den Erfolg als Quelle meiner Motivation. Sondern die Freude kommt aus der Nähe zum Blick des Vaters. Und diese Freude schenkt die Kraft.

Und so der Text von heute:
Betrachte ich die Liebe des Vaters zu dem, den ich gern „Hohlkopf“ nennen möchte, bleibt mir das Wort im Halse stecken.

Wenn nicht – dann suche ich genau diesen Blick, bis es so ist.

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