Sa 28.02.2026
Mt 5:43-48 Von der Feindesliebe
Der Text
43 Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.
44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen,
45 damit ihr Söhne eures Vaters in den Himmeln werdet; denn Er lässt Seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46 Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe?
47 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die Heiden dasselbe?
48 Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.
Anmerkungen zur Peschitta (Syrisch-Aramäisch):
– „Feinde“: wörtlich „eure Gegner“, stärker personal gefasst.
– „betet für die, die euch verfolgen“: zusätzlich „segnet die, die euch verfluchen“ und „tut Gutes denen, die euch hassen“ (erweiterte Fassung wie in einigen griechischen Handschriften).
– „Söhne eures Vaters“: Zugehörigkeit, Herkunft, Wesensverwandtschaft.
– „vollkommen“: „vollendet, ganz, zur Reife gelangt“, stärker im Sinn von Ganzheit als von Fehlerlosigkeit.
Klarstellung
Die Thora sagt den Juden nicht, dass sie die Feinde hassen sollen!
Ich zitiere Levitikus 19
17 Du sollst deinen Bruder in deinem Herzen nicht hassen. Du sollst deinen Nächsten ernstlich zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld trägst.
18 Du sollst nicht Rache üben und den Söhnen deines Volkes nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.
Allerdings kann man aus Vers 18 eine Unterscheidung zu dem lesen, der nicht zum Volk gehört.
Die Thora ist zunächst dem Volk gegeben – noch nicht der Welt.
Ich freue mich auf diesen Text
Denn die Sehnsucht in mir, jeden Menschen mit den Augen Gottes zu sehen, sagt mir: Nichts in dir, was nicht liebt, wird den Tod überleben.
In der Auferstehung und dem Gericht wird nur bleiben, was Gott ähnlich ist. Und darum freue ich mich über jede Mahnung. Sie ist Wachstum für meine Seele und schenkt mir die Fülle des Lebens.
Hassen meint auch: Nicht mögen, ihm aus dem Weg gehen, nicht an ihn denken.
Wenn ich aufhöre, den Feind zu „hassen“, werde ich zunächst kleiner.
Aber das ist nur eine Durchgangsstation:
Ich soll ihn lieben.
Und Liebe vergrößert meine Seele.
Lieben, wie mich selbst
Ich sage oft, Selbstliebe ist kein Ziel, keine Aufgabe, es ist eine Vorfindlichkeit.
Denn ich weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn jemand mir misstrauisch, kritisch, distanziert begegnet. Wenn er meine Schwächen anschaut und vielleicht ein wenig von oben betrachtet. Wenn er mich offenbar übersieht oder gar missachtet. Ich spüre jeden Mangel an Liebe bis ins Feinste.
Daher weiß ich ganz genau, was es heißt, den anderen zu lieben. Haargenau. Ich spüre es in jeder Faser meiner Seele.
Ihn genau so zu behandeln, wie ich behandelt werden möchte.
Und ich will von dem, der mich liebt, wirklich liebt, auch „ernstlich zurechtgewiesen“ werden (Lev 19,17).
Denn wie mein Segen und mein Heil auch sein Segen und sein Heil ist, so gilt es in beide Richtungen.
Erst der Segen, den ich dem Feind gebe, macht mich Gott ähnlich. Macht mich zu einem Hausgenossen Gottes, jemandem, der in die ewige Heimat passt.
Praxis
Wir haben eine freundliche Einladung zu einer Brüdergemeinde erhalten.
Nun ist die Theologie der Brüdergemeinden so, dass sie mir weh tut. Ich kann sie kaum ertragen.
Dreimal war ich im letzten Jahr von einem Freund dort eingeladen, und für einen Freund bin ich gern gegangen. Diese Einladung kommt aber von jemandem, der mir fremd ist (also kein Freund).
Offenbar schaue ich nicht mit den Augen meines Vaters auf diese Brüder. Sondern mit den Augen von jemandem, der sich selbst mehr liebt. Seinen eigenen Schutz vor Schmerz und vor der Unsicherheit, wie ich damit umgehen soll.
Dabei erinnere ich mich, wie ein wunderbarer orthodoxer Priester, auf mich geschaut hat, als ich als junger Christ in einer charismatischen Freikirche war.
Seine Seele brannte für mich, so, dass er sogar in einen Disput mit dem geraten ist, der uns beide eingeladen hatte.
Da er weder Deutsch noch Englisch sprach, konnte er nicht direkt mit mir reden – aber seine Augen haben zu mir gesprochen – und es hat mich verändert.
Im Reich Gottes werden viele sein, die theologisch falsch liegen.
Aber niemand, der nicht liebt.