Gott vergibt nicht alle Sünden

Di 10.03.2026

Mt 18:21-35 Von der Vergebung („der Schalksknecht“)

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

21 Da trat Petrus zu Ihm und sagte: Herr, wie oft soll mein Bruder gegen mich sündigen, und ich soll ihm vergeben? Bis siebenmal?

22 Jesus sagt zu ihm: Ich sage dir nicht bis siebenmal, sondern bis siebzigmal siebenmal.

23 Darum ist das Reich der Himmel einem Menschen gleich geworden, einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte.

24 Als er aber anfing abzurechnen, wurde einer zu ihm gebracht, der zehntausend Talente schuldete.

25 Da er aber nichts hatte, um zu bezahlen, befahl der Herr, ihn zu verkaufen und seine Frau und die Kinder und alles, was er hatte, und so die Schuld zu bezahlen.

26 Da fiel der Knecht nieder, warf sich vor ihm hin und sagte: Habe Geduld mit mir, und ich werde dir alles bezahlen.

27 Der Herr jenes Knechtes aber wurde innerlich bewegt, ließ ihn frei und erließ ihm die Schuld.

28 Jener Knecht aber ging hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der ihm hundert Denare schuldete; und er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahle, was du schuldest!

29 Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sagte: Habe Geduld mit mir, und ich werde dir bezahlen.

30 Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er die Schuld bezahlt habe.

31 Als aber seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt und kamen und berichteten ihrem Herrn alles, was geschehen war.

32 Da rief ihn sein Herr zu sich und sagt zu ihm: Böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast.

33 Hättest nicht auch du dich über deinen Mitknecht erbarmen müssen, wie auch ich mich über dich erbarmt habe?

34 Und sein Herr wurde zornig und übergab ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt habe, was er ihm schuldete.

35 So wird auch Mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht ein jeder seinem Bruder von Herzen vergebt.

Anmerkungen zur Peschitta (Syrisch-Aramäisch)

– „vergeben“: Die Peschitta verwendet das Verb (šbaq) – „loslassen, freigeben, erlassen“. Es bedeutet wörtlich: eine Forderung nicht mehr festhalten.

– „Schuld“: Im Aramäischen steht ebenfalls der Gedanke der „Schuldlast“. Der Zusammenhang von Schuld und Last ist stärker als im Deutschen.

– „von Herzen“ (V. 35): Die Peschitta sagt wörtlich „aus euren Herzen“. Der innere Ursprung wird betont – nicht eine äußere Handlung, sondern eine Bewegung des Inneren.“

Zu dem Text gibt es schon viele wichtige Andachten.

Zuletzt vor einem Jahr: Das gönn ich mir

Darin auch Verweise zu anderen Andachten.

Die Fehlstellen

Vieles wird in der Geschichte nicht genannt, vieles, was heute im Vordergrund steht.

  • Muss ich auch dem vergeben, der nicht darum bittet?
  • Wer bittet überhaupt noch um Vergebung
  • Wird dem, dem vom Bruder nicht vergeben wurde, auf seine Bitte hin von Gott vergeben?

Aber eines wird benannt, dem in der christlichen Praxis oft direkt zuwider gehandelt wird:

Das Belassen der Schuld von Gott her.

Gott vergibt nicht

Der Mann mit den vielen Schulden begegnet seinem eigenen Schuldner. Es ist eine reale Schuld, und die Begleichung steht ihm zu, er hat ein Recht darauf.

Im Kontext wird klar, dass Gott nun von ihm etwas Ungerechtes erwartet – auf seine Forderungen zu verzichten. Denn die Geschichte mit dem, was ihm selbst erlassen wurde, hat zunächst keinen rechtlichen Zusammenhang.

Schafft er es nicht, auf seine berechtigten Forderungen zu verzichten, ist dies offenbar ein Fehler vor Gott, auf einer anderen Ebene.

Und dieser Fehler wird ihm von Gott nicht vergeben – auch nicht im Himmel.

Das wird oft schwärmerisch übersehen.

Es gibt sehr viel, was Gott nicht vergeben wird. Was bis zum letzten Heller bezahlt werden muss. Die Gnade deckt nicht alles zu.

Das kann auch nicht so sein, es wäre gegen die Würde des Menschen.

Ein Thema, das ich in vielen Andachten betrachtet habe.

Will ich Vergebung?

Der moderne Mensch fragt eher nicht nach Vergebung von Schuld.

Weiß er überhaupt noch von eigener Schuld?

Und dieses Fehlen von Schuldbewusstsein macht ihn unempfindlich und immun gegen die Gnade.

Denn die Gnade trifft nur den Schuldigen.

Ein Aspekt dieses komplexen Themas scheint mir, dass Menschen das Leben nicht richtig angenommen haben.

Denn dann würde ihnen die sogenannte Seins-Schuld auffallen.

Das ist die Schuld, die allein aus meinem Da-Sein kommt.

Wenn ich diese Schuld hermetisch abwehre, werde ich taub und blind für Schuld, auch für eigene Tat-Schuld.

Seins-Schuld ist das Gegenstück zur Lebensannahme.

Rufe ich Gott ins Angesicht, das ich mir das Leben nicht gesucht habe, sage ich Ihm, Er ist Schuld an meinem Sein und auch an dieser Seins-Schuld.

Das klingt theoretisch – aber ich erlebe es in der Seelsorge und Therapie sehr oft.

Die Menschen sehen sich als Opfer des Lebens und stimmen dem Satz Gottes kaum zu. Denn Gott sagt:

Ich will, dass du bist, dass du lebst, dass du wichtig, ja unentbehrlich bist.

Leben wollen

Obdachlos, hungrig, ungeborgen übernimmt mein Instinkt dieses Leben-wollen.

Bin ich aber versichert gegen alles und versorgt mit allem – was sagt mir im Inneren, dass ich leben will. Nicht nur als Provisorium leben will, weil ich nicht zu sterben weiß.

Ein Freund hält seine eigenen Schafe und Lämmer. Er schlachtet sie selbst und verarbeitet sie zum eigenen Verzehr.

Ganz offensichtlich tötet er ein Tier, um zu leben. Er lebt die Seins-Schuld und nimmt das Leben an, das strukturell ungerecht ist und Vergebung braucht. Darum dankt er selbstverständlich vor jedem Essen für dieses Essen.

Leben kostet Leben, immer und unvermeidlich.

Und darum ist ein Leben, das nur sich selbst verbraucht, auch nicht wirklich wert, gelebt zu werden. Das spürt die Seele des Menschen lange, bevor der Verstand es versteht.

Ein Mensch, der für niemanden etwas bedeutet, wird in der Regression in das Zerstörerische zurückfallen. Er zerstört sich, um sich lebendig zu fühlen.

Sei es seinen eigenen Körper – aber sehr oft auch Beziehungen. Zu Eltern und – zum Ehepartner.

Ein Anfang

Diese Andacht reißt Dinge auf, ohne sie zu Ende zu führen.

Aber zuerst muss ich wach sein und den Blick Gottes auf mir spüren.

Nicht nur den Blick der Gnade, sondern den der Würde, der Verantwortung – und damit auch der Schuld.

Gern sprechen wir weiter, so Gott will.

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