Sehr geehrter Herr Erzbischof

Mo 13.04.2026 Juist

Joh 3,1–8 Vom Himmel her

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

1 Es war aber ein Mensch aus den Pharisäern, Nikodemus sein Name, ein Oberster der Juden.

2 Dieser kam zu Ihm bei Nacht und sprach zu Ihm: Rabbi, wir wissen, dass Du von Gott als Lehrer gekommen bist; denn niemand kann diese Zeichen tun, die Du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.

3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Amen, amen, Ich sage dir: Wenn jemand nicht von oben her geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.

4 Nikodemus spricht zu Ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er etwa zum zweiten Mal in den Leib seiner Mutter hineingehen und geboren werden?

5 Jesus antwortete: Amen, amen, Ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen.

6 Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.

7 Wundere dich nicht, dass Ich dir gesagt habe: Ihr müsst von oben her geboren werden.

8 Der Wind weht, wo er will, und du hörst seine Stimme, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.

Gestalt dieser Andacht

Es ist eine Andacht in Form eines öffentlichen Briefes.

Zunächst: Ich empfinde starken Respekt und auch persönliche Sympathie für Erzbischof Stefan Heße aus Hamburg. Wenn ich ihm hier teilweise antworte, nur unter dem Vorbehalt, wie ich ihn verstanden habe. Sicher nicht in jeder Facette richtig, vielleicht sogar noch weniger. Es ist aber auch mein innerer Dialog und die Antwort auf das Evangelium von gestern und heute.

Erleben

Auf Juist war ich von Mittwoch bis Freitag in der Messe, und auch am Sonntag.

Am Freitag war ein anderer Priester der Zelebrant. Gekleidet wie ein normaler Priester und ohne seinen Namen zu nennen, erkannte ich ihn nicht.

Ich sprach ihn aber danach in der Sakristei an und fragte nach dem Namen. Ja, Stefan Heße. „Da kam ihnen das Gesicht doch irgendwie bekannt vor“, sagte er.

„Nein“, sagte ich. „Es war die Autorität, ihre Ausstrahlung, die ich gesehen habe; ein Mann Gottes“.

Er schaute mich an, sah meinen Respekt, und verbeugte sich tief — .

Seit unserem Wegzug aus Hamburg ist er zwar nicht mein direkter Bischof, aber jemand, den ich mit Respekt, ja gewisser Ehrfurcht anschaue. Obwohl gerade er nicht distanziert von oben schaut — ganz im Gegenteil.

Am Sonntag trug er auch das kennzeichnende violette Käppchen (Zucchetto) des Erzbischofs und stellte sich vor. Seine Predigt handelte von Thomas, so wie meine Andacht. Und sie enthielt Elemente, die mich berührt haben.

Allerdings habe ich auch in einem mir wichtigen Punkt eine mögliche Differenz wahrgenommen. Gern spreche ich darüber auch mit dem Erzbischof, falls es sich fügt.

Bis dahin hier an diesem Ort der Stille.

Wie ich Heße verstanden habe

Er sprach von dem Ringen der Menschen um den Glauben. Und dass uns darin Thomas ein Trost sein kann. Auch die großen Apostel hatten dieses Ringen, das ihnen nicht durchgehend gelungen ist. Sein schönes anderes Beispiel war Mario Adorf, der gerade verstorben ist, und sich etwa so geäußert hat, dass er „kein entschiedener Ungläubiger“ sei. Das Thema habe ihn oft beschäftigt und „der Glaube habe ihn nicht ganz erreicht“.

Wie verstehe ich Jesus?

Seinen Satz, dass man von oben her neu geboren werden muss? Niemand kann es von sich aus? Ist dies dem nahe?

All das klingt so, als wenn es entweder ein Geschenk ist — oder eben nicht.

Oder, so verstehe ich Heße, ein Bemühen mit unterschiedlichem Erfolg. Eine Art Burg, die zu erobern immer Stückwerk bleibt.

Ich erkenne in meinem Herzen etwas anderes.

Der Glaube ist nicht etwas da oben, zu dem ich aufsteigen muss.

Er ist ganz unten. Unten in meinem Herzen.

Er ist von Gott her immer schon da, wie ich es auch von der Liebe her sage.

Der Glaube selbst ist ein reines Geschenk. Gottes Werk. Deutlich an der Kindertaufe zu sehen. Der Säugling glaubt nicht, es wird ihm geschenkt.

Misstrauen

Aber in all dem gilt es, zur Wahrheit des Herzens hinabzusteigen.

Ehrlich zu werden und zu akzeptieren, dass es eine aktive Rebellion gegen diesen geschenkten Glauben gibt.

Mein Selbst will sich selbst mit vermeintlicher Sicherheit halten, indem es die Hand des Glaubens nicht ergreift, sondern sich an sich selbst festhält. An Erfahrungen, an dem „man“ der Gesellschaft.

Dabei wendet es sich von dem Geschenk Gottes ab. Es liebt die dröge Macht über sich selbst mehr, als die herrliche Annahme des Wortes des Vaters: Du bist mein Sohn.

Es geht also nicht darum, etwas zu ergreifen, zu gewinnen, zu „schaffen“.

Sondern es geht um das Loslassen der inneren Auflehnung gegen die zarte Liebe Gottes.

Die Liebe Gottes ergreift nur die Hand, die leer ist von der Selbstliebe. Von dem Sitzen auf dem eigenen Thon.

Ich warte nicht, dass Gott mich zum Glauben emporreißt. Ich, ich bin in der Verantwortung, meine Hand zu öffnen für Den, der treu vor mir steht und angeklopft hat.

Dazu gehe ich in den Keller und bringe ins Licht, was mich aufhält.

Dann aber kommt vielleicht der Punkt, wo Gott meinem liebenden Herzen mehr traut als ich selbst — und mich durch das dunkle Tal des Loslassens führt.

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