Schuld – was ist das eigentlich?

Mi 11.10.2023 💐 B.B.

Lk 11:1-4 Das Vater-unser

Für welche Schuld brauche ich Vergebung – und nicht nur Verständnis?

Zunächst fällt mir auf, dass das Gebet der Lehre Jesu bedarf.

Zwar kann und soll ich jederzeit mit dem Vater sprechen, wie ein Kind mit dem Vater spricht. Es gibt aber weiteres, was ich mir von Jesus sagen lassen muss.

Z. B. die Frage der Schuld.

Gebet ist eine Form der Kommunikation, des Umganges miteinander. Wie wir auch mit anderen Menschen umgehen und kommunizieren.

Ich habe in der Erwachsenenbildung auch das Fach Kommunikation bearbeitet. Dort kommt Schuld im Grunde nicht vor. Wenn, dann als Schuldgefühl, als etwas dessen ich mich entledige.

Im Gegenteil geht es um Bedürfnisse. Also etwas, was mich unschuldig macht (denn ich bedarf dieser Dinge ja).

Geschieht ein Schaden, ist es aus einer Schwäche heraus. Oder wegen irgendetwas anderem. Sei es meine Biografie, sei das der Zug der Verspätung hatte.

Schuld setzt Verantwortung voraus. Und eine substanzielle Bedeutung für andere. Darum schützen sich manche mit Selbstliebe, sie schützen sich damit auch ein Stück vor einer möglichen Schuld anderer an ihnen.

Vorgeladen sein

Emanuel Levinas spricht von dem Vorgeladen sein vor dem Anderen. Von meiner Verantwortung für ihn. Nicht einfach „nicht schuldig“ zu sein im Sinnen des Nichts-getan-habens.

Schuld ist so eine Vorfindlichkeit, die ich habe, bevor ich aktiv wurde. Allein aus dem Anspruch, den der Andere an mich hat – weil niemand sich selbst genug ist.

Ich spüre beim Schreiben, dass ich diese Schuld nicht haben möchte. Dass ich dies am liebsten nicht denken möchte.

Levinas hat als litauischer Jude die Zeit der Judenvernichtung in Deutschland erlebt. Und dort springt es ins Auge.

Ich aber sage: Die Existenz des Menschen hängt vom je Anderen ab.

Menschen geben sich das Leben nicht selbst.

Selbst Gott gibt dem Menschen das Leben nicht ohne Beteiligung anderer.

Und ebenso wie Gott uns allezeit am Leben erhält, so gilt es auch für die Menschen, die sich die Nächsten sind.

Der Mensch braucht Liebe, wie der Fisch das Wasser. Und wer sich selbst liebt, lebt wie ein Fisch, der allein in einer Blumenvase schwimmt. Niemand nimmt ihm mehr das Futter weg – aber am Ende ist aller Sauerstoff verbraucht und er stirbt.

Gott ist Vater

Jesus lehrt uns, Gott Vater zu nennen. Denn Gott hat sich klein gemacht, uns Vater zu sein.

Ein Vater verliert sein Vater sein, wenn der Sohn Ihm nicht Sohn ist, wie ich an anderer Stelle gesagt habe (bei den Söhnen im Weinberg).

Schuld

Schuld ist eine Einschränkung der Unversehrtheit des Anderen. Sei es an äußerlichem – aber vor allem an seinem Sein selbst.

Wenn ein Kind seine Eltern verliert und als Waise aufwächst, ist es in gewisser Weise seines Seins als „Kind von“ beraubt. Also z. B. bei einem Mädchen, dass keine Eltern hat (z. B. weil es künstlich befruchtet und von einer Leihmutter ausgetragen wurde), diesem Kind wurde ein Teil seines Wesens geraubt.

Wir werden substanziell an Gott schuldig, wenn wir Ihm nicht Kinder sind, wenn wir Ihm nicht Söhne sind.

(Für neue Leser: Das weibliche Geschlecht ist immer mit gemeint).

Das Vater-unser in der obigen Form (der kurzen) sagt in Summe: Erinnere Dich, das du Kind des Vaters im Himmel bist und hör auf Ihn zu kränken.

Du bekommst dein Brot (gleich: dein Leben auf Erden) von Ihm. Im Dank erinnere ich das.

Gott versorgt sein Kind auch ohne das ich bitte.

Ich aber sterbe, wenn ich das Brot nehme, ohne mich des Empfangens zu erinnern. Ohne mich der Liebe des Vaters zu besinnen, meiner Heimat, meines Ursprunges und meiner Zukunft.

Und ich verletze meinen Vater, wenn ich es ihm aus der Hand reiße, bevor Er es mir gegeben hat.

Der Andere

Viele Menschen, auch viele Christen, wollen nicht schuldig sein.

Ich aber bin schuldig.

Schuldig meinen Bruder nicht gegeben zu haben, was er nicht ohne mich hat.

Ohne mich hat er keinen Bruder – und vielleicht kann er sich den Vater im Himmel nicht vorstellen, wenn da kein Bruder ist, der ebendiesen zum Vater hat.

Gott gibt mir Anteil an sich selbst, an dem, was Er dem Menschen ist.

Ich brauche die Vergebung Jesu Christi jeden Augenblick.

Und nur wenn ich diese immerzu annehme (verkoste), kann ich es wagen, mir meiner Verantwortung und meiner so geringen Erfüllung meiner Verantwortung bewusst zu werden. Ohne Vergebung müßte ich meine Schuld leugnen und verdrängen – wie es so oft geschieht.

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