Hören steht vor dem Tun

Di 10.10.2023

Lk 10:38-42 Maria und Martha

Ist so manches in meinem Leben nicht „rasender Stillstand“ (Paul Virilio)?

Ich verweise auf meine Andacht zu diesem Text aus dem letzten Jahr, Martha und ihre Familie.

Heute ergänzende Betrachtungen.

Martha hat nicht einfach nur das Nötige getan. In Vers 40 steht nicht nur das Wort „viel“, sondern zweimal das Wort „zu schaffen“. Genauer:
περισπάω‭ peri-spáo ‭hin- und hergerissen werden‭; ‭

‭‭Aus‭ ‭περί‭ perí ‭um-herum‭ +‭ ‭σπάω‭ spáo ‭ziehen‭; (w. rundherum-reißen)‭

‭‭Pass.:‭ ‭hin- und hergerissen werden‭.

Übertragen: von etwas völlig in Anspruch genommen werden, völlig überlastet sein, emsig beschäftigt sein mit etwas; sich sorgen; abgelenkt werden, beunruhigt.

(Strong)

Martha

Martha hat Jesus eingeladen. Sie ist der Typus „Jünger Jesu“. Der Christ, der mit Jesus lebt, ihn liebt und Ihm dient.

Viel weiter als der, der Jesus kennt, aber doch zumeist sein eigenes Leben lebt. Sie macht alles für Ihn. Er ist da, wie sollte ich Ihn nicht Umsorgen.

Es ist auch die Mutter, die ihr Kind liebt und alles für dieses Kind tut. Die jedoch meint, ihr Kind zu kennen und zu wissen, was gut ist.

Der Freund, der ein Ratgeber ist und ein Helfer.

Die Kirche, die ein großes Kinderfest macht und alles für die nächste Generation macht.

Oder ich, der das Zweitbeste macht. Das, was gut ist und nötig – was aber das Erste verdrängt.

Und es bindet mich und versklavt mich.

Denn es ist nie genug und es klagt mich ständig an – so, dass ich am Ende andere anklage, weil sie mir nicht helfen.

Beispiel:

Ich habe die Arbeit eines Sekretärs in meiner Bruderschaft übernommen, ohne das Amt zu haben (weil es keiner macht).

Nun tue ich einiges – und wenige Brüder reagieren auf meine Initiativen. Ich spüre, wie ich ungeduldig werde und in den Vorwurfsmodus wechsle.

In der Stille habe ich gehört: Sprich mit denen, die herumnörgeln. Ruf an, hör zu.

Und fürwahr: Ein Schwall von Worten kam dort, Einsamkeit und Sehnsucht nach Gespräch – nicht nach besserer Technik, wie ich sie angeboten hatte.

Wie viel mehr Du.

Du kommst zu mir.

Empfange ich nur Deinen Leib?

Oder auch Deinen Geist, der in Deinen Worten ist.

Wie viel Arbeit habe ich doch, weil ich Dir nicht zuhöre. Wie viel Bindung im hin- und hergerissen sein. Die kostet Kraft und verstopft meine Ohren. Für Dich – und damit auch für den Bruder, den Anderen, den Du mir doch aufgetragen hast.

Meine Versuchung ist zu wählen, was sich nach Selbstwirksamkeit anfühlt. Es ist schon das, was die Kinder wollen. Wirksam sein und sehen, wie ihr Da-Sein auf die Welt um sie herum wirkt.

Vieles, was uns Böse erscheint, ist zumeist die Sehnsucht nach Wirksamkeit. Wenn es nicht im Konstruktiven gelingt – dann im Destruktiven. Hauptsache ich bin da und die Welt und ich nehmen mich wahr.

Das Gute an der Selbstwirksamkeit ist die Sehnsucht nach Wirksamkeit.

Du, Herr Jesus, bietest mir die Wirksamkeit Gottes an. Vollmacht.

Wenn ich voll bin von dem, was Du mir sagst, dann wandelt sich Aktivismus in heilige Wirksamkeit – vielleicht in Vollmacht.

Dazu muss ich leer sein von meinem eigenen Gehampel, mit dem, was ich meine zu haben und nur mit viel Action in Szene setzen müßte, damit etwas passiert.

Es reicht nicht, das Richtige zu tun. Es muss das sein, was auch in Zeit und Maß richtig ist. Was aus der Beziehung kommt und nicht nur aus dem Vorratshaus des Wissens und der Erfahrung.

Meine tausend Bücher nützen mir weniger als das rechte Wort zur rechten Zeit. Und das gibst Du mir – oft, indem Du mich an ein Wort aus Deinen Texten oder den Texten Deiner Heiligen erinnerst.

Der berühmte Text von Paul Virilio vom „Rasenden Stillstand“ benennt es. Ohne Dich zu hören, treffe ich nicht, wozu ich doch so eile.

Halt an – und horche.

Hinterlasse einen Kommentar