Im Zentrum der Angst

Sa 18.04.2026

Joh 6:16-21 Jesus kommt im Sturm auf dem See

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

16 Als es aber Abend geworden war, gingen Seine Jünger hinab zum See,

17 und sie stiegen in ein Boot und fuhren über den See nach Kapernaum. Und es war schon dunkel geworden, und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen.

18 Und der See wurde aufgewühlt, da ein starker Wind wehte.

19 Als sie nun etwa fünfundzwanzig oder dreißig Stadien gerudert hatten, sehen sie Jesus auf dem See gehen und nahe beim Boot sein, und sie fürchteten sich.

20 Er aber sagt zu ihnen: Ich bin es; fürchtet euch nicht.

21 Da wollten sie Ihn in das Boot nehmen, und sogleich war das Boot am Land, wohin sie fuhren.

Anmerkungen zur Peschitta (Syrisch-Aramäisch)

– „Ich bin es“: wörtlich näher bei „Ich bin“ – die Form trägt stärker die Selbstoffenbarung, nicht nur Identifikation.

– „fürchtet euch nicht“: semitisch oft mehr als Beruhigung – ein Aufruf, die Situation im Licht Seiner Gegenwart neu zu sehen.

– „sogleich war das Boot am Land“: die aramäische Fassung betont ebenfalls die Unmittelbarkeit – nicht als technische Angabe, sondern als Erfahrung: mit Ihm ist der Weg erfüllt.

Angst

Ich setze heute das Thema Angst fort, das ich am 1. April betrachtet habe: Ist die Angst mein Feind?

In Vers 19 steht φοβέω (phobéō), bekannt aus dem Begriff Phobie. Also auch tiefe, echte, bedrohliche Angst.

Angst hängt im Deutschen mit Enge zusammen. Besonders spürbar bei Atemnot, Mangel an Luft, Raum zum Leben.

Atem wiederum ist der ständige Austausch des Meinen mit dem Anderen. Der Luft in mir, die ich abgebe und der Luft außerhalb von mir, die ich aufnehme.

Nur vom Menschen wird berichtet, dass erst der Atem Gottes aus ihm eine lebendige Seele gemacht hat. Die Kehle, hebr. נֶפֶשׁ (näfäsch), ist auch die lebendige Seele. Die Seele ist nicht getrennt vom Körper.

Vielleicht später ausführlicher.

Angst – eine Gabe Gottes

Als Jugendlicher gab es Lebensabschnitte, in denen ich nicht gern weiterleben wollte. Ich erinnere mich an die Sehnsucht nach Abschied von all den Überforderungen meines Lebens.

Der wichtigste Grund, am Leben zu bleiben, war damals die Angst. Besonders die Angst, es könne doch einen Gott geben, ein Gericht, ja eine Hölle.

Zum Teil hat mir die Angst vor der Hölle das Leben gerettet – ich vermute, das ist heute kaum mehr vorstellbar.

Auch später, als ich schon Christ war, kannte ich eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben. Ich dachte, es wäre kein Problem für mich, heute schon zu sterben.

Da „schickte“ Gott mir in einigen Nächten eine geheimnisvolle Atemnot. Und ich erkannte: Nein, mein Körper will leben. Was sagt mir das?

Es war, als wenn Gott mir Seine Liebe in Form einer Angst um mich geschickt hatte.

Theologisch unsauber – aber doch auch wirklich.

Ist ein Aspekt der Liebe nicht irgendwie auch Angst? Angst um den Geliebten? Sicher nicht in der vollen Erfüllung – aber auf dem Wege.

Angst in der Seelsorge

Gerade in letzter Zeit begegnet mir die Angst vermehrt in der Seelsorge.

Menschen haben Angst vor der Wahrheit. Der Wahrheit, das offenbar wird, was sie getan haben. Menschen haben Angst vor dem Verlust ihrer sozialen Anerkennung.

Es wirkt, als wenn sie Angst vor dem stürmischen Meer haben, wie die Jünger.

Aber eigentlich haben sie Angst vor Jesus – vor der Wahrheit.

Der Wahrheit ihrer selbst. Denn sie sind selbst die Ursache dessen, was sie fürchten.

Der einzige Feind, vor dem es keine Rettung gibt, ist der Feind in mir selbst. Ich selbst bin mir existenzieller Feind.

Es ist diese Furcht vor dem Licht. Es ist die Furcht vor dem Licht, von der ich am Montag sprach: Liebe ich das Licht auf meinen Werken? .

Und es ist die innere Absicht, das Wollen, das schuldig macht – weniger ein Versagen, vielleicht gar nicht.

Kommt nun das Licht auf mich zu, steigert es die Frucht, zumeist so stark, dass es nicht mehr weitergeht, der Mensch blockiert.

Jetzt kommt es darauf an, ob ich Ohren habe zu hören, wie die Jünger haben:

„Ich bin es“.

Höre ich diese bedingungslose Liebe.

Die Liebe, die die Sünde zwar nicht dulden kann, denn sonst könnte sie nicht wirken; die aber die Umkehr möglich macht, weil mein Selbstverlust kein unendlicher ist, sondern „Ihn ins Boot holt“.

Billige Gnade

Die billige Gnade zerstört diesen Weg.

Fürchte ich Jesus nicht, zeigt es, dass ich mein Herz noch nicht geöffnet habe.

Vor der Erlösung kommt die Erschütterung.

Man muss die Schweinetröge schon verlassen, wenn man zum Vater geht.

Das erlebe ich leider kaum.

Sondern immer wieder: „glaube nur“.

Ein Glaube, der den Schmerz meiner Schuld nicht sichtbar macht, ist der „Glaube an den Glauben“, von dem ich oft rede.

Ich glaube dann nicht an Gott, sondern an meinen Glauben.

Schuldzuweisungen

Ein Merkmal dieses Verkapselns der Schuld-des-Wollens, der Rebellion, ist die Übertragung der Schuldgefühle auf andere. Das Kopfschütteln über andere Menschen.

Ein anderes Merkmal ist es, „keine Zeit für den Berg“ zu haben, wie ich gestern schrieb.

Am Ende reicht es nicht, „Jesus persönlich zu kennen“.

Im Gegenteil. Es erhöht die Schuld, weil das Licht so nahe war und ich es für Tröstungen missbraucht habe. „Eine kleine Weile fröhlich sein in diesem Licht der Gnade“.

Diese kleine Weile, die durchaus auch ihren Raum haben kann, ist gut – wenn es zur Vertrauensbildung dient. Aber nicht als ewiges Ruhekissen.

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