Mi 15.04.2026
Joh 3:16-21 Die Liebe Gottes
Der Text
Aus dem griechischen Urtext
16 Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass Er den einziggezeugten Sohn gab, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern Leben der Ewigkeit hat.
17 Denn Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, damit Er die Welt richte, sondern damit die Welt durch Ihn gerettet werde.
18 Wer an Ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des einziggezeugten Sohnes Gottes.
19 Dies aber ist das Gericht: dass das Licht in die Welt gekommen ist und die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht, denn ihre Werke waren böse.
20 Denn jeder, der Schlechtes tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.
21 Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott gewirkt sind.
—
Anmerkungen zur Peschitta (Syrisch-Aramäisch)
16 „Leben der Ewigkeit“: wörtlich näher bei „das Leben der Ewigkeit“ – betont nicht nur Dauer, sondern Qualität des Lebens aus Gott.
18 „an den Namen glauben“: stärker personal verstanden – Vertrauen auf die offenbarte Person selbst, nicht nur auf eine Bezeichnung.
21 „die Wahrheit tun“: im Semitischen ein festes Denken – Wahrheit ist nicht nur Erkenntnis, sondern gelebte Wirklichkeit.
Schaffen oder Wollen
Ich greife noch einmal den Text von Montag auf.
Gibt es nicht auch ein Scheitern am Wollen? Und damit eine gewisse Nähe zu dem, wie ich die Predigt des Erzbischofs verstanden habe? Ein immer wieder aufraffen zu neuem Vertrauen?
Mir scheint, es gibt einen wesentlichen Unterschied:
Wenn ich etwas nicht schaffe, ist es nicht schwer, damit ans Licht zu gehen und mich Gott zu offenbaren.
Wenn ich aber etwas nicht gewollt habe, werde ich damit auch nicht ans Licht wollen. Nicht wegen des mangelhaften Werkes – sondern wegen des Nicht-Wollens.
Das beschreibt auch Vers 20 aus dem Evangelium von heute.
In der seelsorgerischen Praxis erlebe ich nun ein verstecken des Nicht-Wollens hinter dem „Gott der Umstände“, wie ich es gestern beschrieben habe.
Das neue Gericht
Man könnte meinen, das Kreuz habe das Gericht aus der Welt geschaffen.
Mir scheint es andersherum.
Mit dem Kreuz ist das Licht in die Welt gekommen. Das Licht, von dem Jesus sagt: „Dies aber ist das Gericht: dass das Licht in die Welt gekommen ist und die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht, denn ihre Werke waren böse.“
Erst mit der vollen Offenbarung Gottes am Kreuz wird es zur Rebellion – und nicht länger nur Unvermögen.
Fallen lassen
Gute Freunde sprechen davon, sich in Christus hineinfallen zu lassen. Ich spüre viel Sympathie für diesen Gedanken.
Er passt jedoch nur zum Teil zu dem, was ich erlebe:
Ich erlebe einen blutigen, mutigen, wilden Kampf bis auch die Knochen.
Ich nenne hier exemplarisch den Kampf um die Beichte.
Kann noch Joseph Roth seinen Mendel Singer sagen lassen, er habe doch gar nicht gesündigt, kann ich das nicht.
Denn ich erlebe einen konkreten Mangel an Liebe, der aus dem Zögern und den Vorbehalten gegen das leise Reden des Vaters im Alltag offenbar wird.
Es ist eine Sache, das Gesetz zu halten – was ich wohl zumeist tue – und eine andere Sache, eine Gerechtigkeit zu haben, die weit höher ist als die der Schriftgelehrten, wie Jesus sie zur Bedingung macht.
Dynamik der Seelsorge
Ich erlebe es in der Praxis meiner Seelsorge.
Es gibt einen grundlegenden Unterschied, ob jemand dabei bleibt, sich in den wichtigsten Dingen zu rechtfertigen – oder nicht.
Ich spüre in mir selbst, ob ich dem Klienten etwas sagen kann oder ob jedes Wort ihn weiter verhärten wird.
Bei dem einen ist es die Rolle des Opfers, in der er redet. Und die Schuld der Welt und der je anderen, die sein Herz erfüllt.
Bei dem anderen ist es der Schreck im Antlitz, ob der eigenen, aktiven Rolle. Der eigene Herzenshaltung, die Ursache und Thema ist.
Bei dem einen ist es Selbstmitleid – bei dem anderen das Entsetzen über sich selbst.
Im Kleinen
Noch vor dem großen Kreuz Jesu nenne ich ein Beispiel aus meinem Leben.
Als ich im Laufe der letzten Jahrzehnte die Güte meiner Frau mir gegenüber mehr und mehr erkannt habe, wurde die Schuld, die ich ihr gegenüber habe, mir immer deutlicher. Ihre Güte leitet mich in die Buße, in die Umkehr, in die Reue.
Dass ich das erkenne, steht in Wechselwirkung zu ebendiesem Prinzip im Blick auf das Leiden Jesu.
Seine Güte beschämt mich.
Sie offenbart meinen aktiven Egoismus – nicht weniger.
Ungehorsam dem lebendigen Wort
Es gibt einen alltäglichen Ungehorsam der „rechten Werke“.
Also des Handelns nach den Ordnungen Gottes und ethisch Richtigem.
Aber außerhalb von dem, worum es eigentlich geht: dem Gehorsam im aktuellen Reden des Vaters.
Der Vater kritisiert mich nicht, weil ich zwar fleißig bin, aber meine Arbeit nicht schaffe.
Aber Er schaut mich fragend an, weil Er mir gesagt hat, was von den Dingen ich tun soll und ich dem ausgewichen bin in „auch ganz Gutem“.
Hier liegt ein wichtiger Schlüssel für das Einüben in den großen Gehorsam – dazu vielleicht an anderer Stelle mehr.