Die Seligpreisungen neu lesen

So 01.02.2026

Mt 5:1-12a Die Seligpreisungen

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext:

1 Als Er aber die Volksmengen sah, stieg Er auf den Berg hinauf. Und als Er sich gesetzt hatte, traten Seine Jünger zu Ihm.

2 Und Er öffnete Seinen Mund, lehrte sie und sagte:

3 Selig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel.

4 Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.

5 Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.

6 Selig die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden.

7 Selig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.

8 Selig die Reinen im Herzen, denn sie werden Gott schauen.

9 Selig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.

10 Selig die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel.

11 Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse gegen euch sagen um Meinetwillen, indem sie lügen.

12 Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren.

Anmerkungen zur Peschitta (Syrisch-Aramäisch)

• „selig“: aramäisch stärker im Sinn von „gesegnet / von Gott begünstigt“, nicht nur inneres Glück.

• „arm im Geist“: betont innere Bedürftigkeit vor Gott, nicht bloß äußere Armut.

• „sanftmütig“: aramäisch mit Nähe zu Demut und innerer Gelassenheit.

• „Land erben“: klarer Bezug auf das verheißene Land – geistlich und heilsgeschichtlich verstanden.

• „Reine im Herzen“: Reinheit als ungeteilte Ausrichtung auf Gott.

• „Söhne Gottes“: aramäisch relational – Zugehörigkeit durch Lebensweise.

• „Lohn in den Himmeln“: Mehrzahl betont die göttliche Sphäre, nicht bloß Zukunftsvertröstung.

In den Schuhen der Thora

Jesus steht in den „Schuhen der Thora“.

Er geht nicht umsonst auf einen Berg – an den Ort, von dem aus Gott sprach.

Mose stieg auf den Berg und empfing die „Zehn Worte“ (עֲשֶׂרֶת הַדְּבָרִים), die wir heute leider meist nur „Zehn Gebote“ nennen.

Und Er öffnet Seinen Mund.

Der Mund ist im Hebräischen der Übergang vom Inneren zum Äußeren.
Und in mir klingt erneut der Johannes-Prolog. Es spricht hier Der, durch Den alles wurde, was geworden ist, und in dem alles besteht. Er spricht als Schöpfer, als Stifter. Jemand, der ins Sein ruft.

Es ist mehr als Pädagogik oder religiöse Klugheit.

Es ist das Angebot einzustimmen in das, was Reich Gottes ist.

Und Reich Gottes ist die Reinform der Welt selbst.

Aschrej – Selig

אַשְׁרֵי – Aschrej („glücklich / gesegnet ist…“)

So beginnt auch Psalm eins. אַשְׁרֵי הָאִישׁ… Selig der Mann …

Mit der Thora im Herzen hört der Hörer: Hier ist Wegweisung.

Nicht abstrakte Moral oder Ethik.

Und: Alles ist konkret gemeint. Für das alltägliche Leben. Denn Welt und Gott gehören zusammen.

Noch ein paar kleine Beispiele:

„Sie werden das Land erben“ → meint konkret Israel. Siehe Psalm 37:11

„Hunger nach Gerechtigkeit“ → das ist צְדָקָה (Zedaka): Bundestreue. Bundestreue ist gerecht – nichts anderes.
Für mich als Christ: Treue zur Taufe. Ich gehöre mir nicht, denn ich bin mir in der Taufe gestorben.

„Reine im Herzen“ → לֵב טָהוֹר (Lev Tahor), Psalm 51,12:

„Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz.“ Immer wieder geht es darum.

Stand meiner Thora-Forschung

Ein schöner, aber steiniger Weg. Auch die Juden haben ihre Probleme, z. B. in dem Kampf zwischen orthodoxem und Reform-Judentum.

Das Jüdische zu erkunden, ist keinesfalls eine Weiterentwicklung des Christlichen. Es ist ein Nachholen von etwas Versäumtem.

Die Unterscheidung zwischen dem, was im Jüdischen dauerhaft nur für Juden ist, und dem, was auch für mich als Christ gilt, ist eine Herausforderung.

Das alles verbindet sich mit Schuld. Mit der Schuld gegenüber den Juden, die ich als Deutscher habe – und mehr noch als Christ.

Zugleich zu erleben: Ich bin schuldig an ihnen geworden und sie haben in der Thora und in ihrer Geschichte mich getragen und nicht ich sie – und dennoch zu wissen: Jesus Christus ist Gott, auch der Gott der Juden.

Es wäre, als wenn ein Sohn seinen Vater belehren wollte. Furchtbar.

Meine Antwort ist: Je genauer ich mich in die Schöpfung Gottes einfinde – das ist Sein Wort und Seine Welt – desto eher wird Gottes Reich erkennbar und geehrt.

Ich glaube bisher: Als Sohn darf ich den Vater nicht belehren. Aber ich darf vertrauen und ersehnen, dass wir bald in einem Haus leben werden. Dem Haus Gottes.

– Heute Nacht hatte ich einen ähnlichen Traum –

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