Person und Gemeinschaft

Mo 07.09.2026

Lk 6:6–11: Die Heilung eines Mannes am Sabbat

(Evangelium des Tages)

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

6 Es geschah aber an einem anderen Sabbat, dass Er in die Synagoge ging und lehrte. Und dort war ein Mensch, dessen rechte Hand verdorrt war.

7 Die Schriftgelehrten und die Pharisäer aber beobachteten Ihn, ob Er am Sabbat heilen würde, damit sie etwas fänden, Ihn anzuklagen.

8 Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu dem Mann, der die verdorrte Hand hatte: „Steh auf und stell dich in die Mitte!“ Und er stand auf und stellte sich hin.

9 Jesus aber sprach zu ihnen: „Ich frage euch: Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, Leben zu retten oder zu vernichten?“

10 Und nachdem Er sie alle ringsum angesehen hatte, sprach Er zu ihm: „Streck deine Hand aus!“ Er aber tat es, und seine Hand wurde wiederhergestellt.

11 Sie aber wurden von Unverstand erfüllt und besprachen miteinander, was sie Jesus antun könnten.

Das gute Anliegen der Schriftgelehrten und Pharisäer

Es passiert schnell, dass man Schriftgelehrte und Pharisäer ausschließlich negativ deutet. Und bei der Konzentration darauf, nicht die gleichen Fehler zu machen wie sie, übersehe ich schnell das Gute, was von ihnen kommt.

Für Juden ist der Glaube an Gott nicht in der Art eine persönliche Angelegenheit, wie es das für Christen zumeist ist. Die Stiftung des Glaubens am Berge Horeb ist auch zugleich die Stiftung des Volkes Israel. Auch der religiöse Kultus ist so mehr als eine persönliche Angelegenheit. Er hat mit der Existenz des Volkes selbst zu tun.

Ein Volk

In der aktuellen politischen Debatte in Deutschland ist der Begriff „Volk“ zum Streitwort geworden. Aber der Missbrauch eines Begriffes wird nur noch dadurch überboten, dass dieser Begriff insgesamt aufgelöst wird.

Fruchtbarkeit geschieht aus einem Gegenüber unterschiedlicher Personen. Darüber sprach ich. Und etwas Ähnliches gilt für Völker. Sie müssen unterschiedlich sein, und sie müssen ihre eigene Aufgabe erkennen und erfüllen. Nicht nur für sich selbst, sondern für die Völkergemeinschaft.

Und gerade bei Israel kann ich es deutlich erkennen. Sie haben eine ganz spezielle Aufgabe als Volk, eine Aufgabe, die mit ihrem Glauben verbunden ist.

Schriftgelehrte und Pharisäer

Schriftgelehrte sind wie das Rückgrat eines Leibes. Sie verbinden das Haupt mit dem Leib. Von dort aus gehen die Nerven, geht die Weisung in den Leib.

Und die Pharisäer sind diejenigen, die es vorleben wollen und sollen und so Orientierung für das Volk sind.

Beide fragen danach, was dem Volk dient.

Und dem Volk dient es, so genau wie möglich mit diesem Rückgrat verbunden zu sein und die überlieferte Lehre Gottes so genau wie möglich zu bewahren.

Fehlentwicklung

Es gibt mindestens zwei mögliche Fehlentwicklungen. Eine davon ist, dass einzelne Menschen in ihrer Funktion als Rückgrat oder Leiter eines Volkes das Volk als Verlängerung ihrer selbst betrachten. Dann geht es mehr um sie selbst als um das Volk. Das Volk hat dann zumeist einen Zweck für die Leiter und keinen Wert für sich selbst.

Das Gegenstück dazu ist es, wenn das Volk über allem steht und die Würde des Einzelnen untergräbt. Wenn die Lebendigkeit, die Freiheit und die Identität des Einzelnen nicht mehr als Befruchtung, sondern als Gefahr gedeutet werden.

Das Evangelium

Der Sabbat ist Teil der Person Gottes. Er ist ein wenig wie ein Scharnier zwischen dem geschichtlichen Gott und dem aktuell lebenden Volk. Wird der Sabbat unwürdig begangen, kann das die Integrität des Volkes schwächen oder gefährden.

Aber Gott bleibt auch in Seinen Festlegungen immer noch eine Person. Die gültige Auslegung einer Person wird nur durch das ja eigene Ausleben und Wirken eben dieser Person vollzogen.

Wenn ich eine Andacht schreibe, wird sie in dem Moment überschrieben, in dem ich selbst auftrete und sage, wie ich es gemeint habe. Der Schreiber der Schrift überbietet die Schriftgelehrsamkeit.

Bei meinen Thora-Studien habe ich erfahren, dass die Rabbiner gerade in dieser Frage uneins sind.

Die rechte Hand

Die rechte Hand ist die je eigene, konkrete und praktische Wirksamkeit des Menschen in der realen Welt. Die Überbetonung der Gemeinschaft kann zur Verkrümmung führen.

Ich betone, dass es in diesem Thema nicht darum geht, eine richtige Mitte zu finden. Sondern es geht um ein Je-mehr in einem geheimnisvollen Zugleich.

Das Streben soll nicht in die eine oder andere Richtung gehen oder in einen Kompromiss, also in eine Lauheit.

Der Urheber des Schabbat ist körperlich anwesend und dient mit seiner gesamten Persönlichkeit der Gemeinschaft auf eine höhere Weise, als die Gemeinschaft es in ihrem eigenen Versuch, sich selbst zu dienen, je gekonnt hätte.

Persönlich

Gestern schrieb ich darüber, dass die heilige Einsamkeit gar nicht so heilig ist, wie sie scheint. Sie ist notwendig, aber nicht hinreichend.

Der vollkommenste Ausdruck meiner selbst ist die rechte Dienstbarmachung dessen, was unverzichtbar durch meine Person in eine Gemeinschaft und für die Gemeinschaft entstehen soll.

Es geht darum, ganz selbst Person zu werden, um in rechter Weise Gemeinschaft zu leben. Nicht als Kompromiss, sondern als Erfüllung.

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