Meine Erwartungen legen mich fest

Mi 16.09.2026

Lk 7:31-35 – Jesu Urteil über Seine Zeitgenossen

(Evangelium des Tages)

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext.

31 Mit wem soll Ich nun die Menschen dieses Geschlechts vergleichen, und wem sind sie gleich?

32 Sie sind Kindern gleich, die auf dem Marktplatz sitzen und einander zurufen: Wir haben euch auf der Flöte gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben ein Klagelied gesungen, und ihr habt nicht geweint.

33 Denn Johannes der Täufer ist gekommen, der weder Brot aß noch Wein trank, und ihr sagt: Er hat einen Dämon.

34 Der Menschensohn ist gekommen, der isst und trinkt, und ihr sagt: Siehe, ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund von Zöllnern und Sündern!

35 Und doch ist die Weisheit von allen ihren Kindern als gerecht erwiesen worden.

Kontext

Der vollständige Abschnitt handelt von Jesu Zeugnis über den Täufer. Danach geht es um die Salbung durch die Sünderin.

Jesus meint also nicht jeden einzelnen Menschen, sondern die Mehrheit, das, was wir als normal und üblich bezeichnen. Christusnachfolge ist niemals Mainstream. Das Übliche zu tun, bietet eine illusorische Sicherheit der Masse, führt aber in der Regel in die Irre.
Morgen werden wir von der wunderbaren Ausnahme lesen, ganz gegen alle Erwartungen der Menschen.

Ich gehe meinen Weg

Ich beurteile die Dinge nicht danach, wie sie sind, sondern wie sie im Verhältnis zu dem stehen, was ich erwarte.

Ich bin den Weg meiner Erwartung bis hierher gegangen. Wohin ich meinen Fuß als Nächstes setze, hängt also davon ab, ob es mich ungefähr in der Richtung weiterbringt, in der ich bisher gegangen bin.

Anderenfalls müsste ich nicht nur beurteilen, was mich weiterbringt, sondern ob ich vielleicht bisher falsch gegangen bin, mich selbst infrage stellen, zumindest meinen Weg infrage stellen.

Etwas bildlich ausgedrückt:

Ich merke, dass ich, wie andere, meinen Kopf ein wenig zu weit vorgebeugt trage, vor allem, wenn ich nicht darauf achte. Der Blick aufs Handy, der Blick aufs Buch, der Blick auf meinen Weg. Alles führt mich dazu, meinen Kopf zu senken.

Will ich mich neu orientieren, muss ich stehen bleiben, muss ich aufschauen, vielleicht sogar mal in den Himmel schauen und nach dem Polarstern suchen. Und vor allem muss ich es wagen, dem vertrauten Gefühl meiner alten Erfahrung, meines alten Weges, ein Fragezeichen entgegenzusetzen.

Zusammenfassend: Ich sehe auf den Weg, den ich sowieso schon gehe, und das ist in der Regel nicht nur praktisch, sondern oft auch richtig.

Wem vertraue ich?

Erstaunlicherweise gehe ich – und viele Menschen – den Weg auch immer weiter, selbst wenn mir bewusst ist, dass es kein guter Weg ist und ich ein Stück von meinem Ziel abgekommen bin – und wer weiß, vielleicht sogar ein ganzes Stück.

Das tue ich weniger, weil ich mich selbst für klug halte, sondern weil ich mir selbst vertraue. Der bekannte Fehler ist mir lieber als der unbekannte Fehler.

Aber das einsame Vertrauen zu mir selbst führt mich letztlich in eine Einsamkeit und eine Fruchtlosigkeit.

Das sehe ich besonders als Eheberater.

In der Ehe

Ich spreche mit den Ehepartnern jeweils einzeln.

In der Regel ist es so, dass in den ersten Stunden der Beratung von den Menschen ein Schwall von Erwartungen, Enttäuschungen und Vorwürfen genannt wird.

Sie glauben, die Ehe könnte nur gerettet werden, wenn der andere sich ändert. Und wenn ich dann irgendwann anfange, mit Ihnen über ihre eigenen Veränderungsmöglichkeiten zu sprechen, sagen Sie manchmal, ich würde den anderen Ehepartner bevorzugen und in Schutz nehmen.

Und es fängt zumeist mit Erwartungen an: Erwartungen, die von mir ausgehen und mich und mein Denken zum Maßstab haben.

Zum Beispiel die Erwartung nach Harmonie oder Verständnis oder sogar die Erwartung, dass der andere ähnliche Begabungen hat wie ich und mich darum besser verstehen müsste.

Aber Ehe ist eine produktive Verbindung zweier unterschiedlicher Persönlichkeiten, die in ihrem je Eigenen zwar entwickelt werden sollen, aber nicht angeglichen werden sollen. Das Geheimnis des anderen bleibt ein Geheimnis. Und in und durch die Liebe des je wirklich Anderen entsteht Frucht.

Warum?

Aus der Praxis nehme ich die beliebte Frage: „Warum?“
Sie kann ganz unterschiedlich gemeint sein. In einer konfliktgeladenen und angespannten Situation ist die Frage nach dem Warum im Wesentlichen schon ein Urteil. Denn sie will den anderen in das eigene Weltbild hineinziehen. Damit erhebt sich das Warum über den anderen und macht sich selbst zum Maßstab und Richter.

Das Warum kann aber auch ganz anders sein und ein wahrhaftes Interesse am anderen bekunden. Es kann unterstellen, dass der andere einen Grund hat, so wie ich einen Grund habe: eine Herkunft und eine Vertrautheit, die mir noch unbekannt sind.

Oder in einem Konflikt: Womit habe ich dich herausgefordert, provoziert, verletzt?

Dabei ist die Frage nach dem Warum unwichtiger, als man zunächst meinen könnte.

Sie fragten nämlich nach dem Vergangenen, nach dem Grund, und sie fragt nicht nach der neuen Freiheit im Jetzt.

Das Warum kann belasten oder entlasten, aber es fragt nicht nach der Person im Jetzt. Dass ich Ergebnis meiner Vergangenheit bin, also meines Warum oder Woher, ist aber immer auch Chance und Anfrage an das Geschenk der Freiheit, das immer in mir vorhanden ist.

Jesus Christus

Ob ich am Woher und Warum meines bisherigen Weges hängen bleibe, vielleicht sogar an ihm scheitere oder nicht, hängt davon ab, ob ich auf etwas vertraue, was von woanders herkommt.

Und ich bekenne: Es ist richtig und möglich, Christus ganz zu vertrauen – über meine Erfahrung hinaus, auch über meine Erfahrung mit Ihm hinaus.

Dieses Vertrauen ist nicht zuerst Psychologie, sondern Antwort auf Wahrheit. Darüber an anderer Stelle mehr.

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