Unvollkommen – oder falsch?

Mo 28.09.2026

Lukas 9:46-50 – Der Rangstreit der Jünger

(Evangelium des Tages)

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

46 Es kam aber unter ihnen eine Überlegung auf, wer wohl der Größte unter ihnen sei.

47 Jesus aber, der die Überlegung ihres Herzens kannte, nahm ein Kind, stellte es neben sich

48 und sagte zu ihnen: Wer dieses Kind aufnimmt in meinem Namen, nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer der Kleinste unter euch allen ist, der ist groß.

49 Johannes aber antwortete und sagte: Meister, wir sahen einen, der in Deinem Namen Dämonen austrieb, und wir hinderten ihn, weil er nicht mit uns nachfolgt.

50 Jesus aber sagte zu ihm: Hindert ihn nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.

Spannung

In Vers 50 sagt Jesus: „Wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.“ Zwei Kapitel weiter sagt Jesus in Vers 23: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich. Und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“

Mir scheint es ein gutes Beispiel dafür zu sein, dass man nicht einfach Bibelstellen zitieren und gegeneinanderstellen sollte. Oder gar Bibelstellen zu nehmen und für eigene Meinungen zu instrumentalisieren.

Auch die Betonung, dass es einmal um die Jünger geht und einmal um Jesus, reicht für die Erklärung nicht aus.

Als Konvertit ist mir die Bedeutung eines miteinander verbundenen Leibes Christi in Form einer Kirche wichtig. Es ist besser, katholisch zu sein, es ist richtig, katholisch zu sein.

Aber:

Jesus und der Gerasener

In Markus 5,18-20 bittet der Geheilte Jesus ausdrücklich, bei ihm bleiben zu dürfen. Jesus gestattet es ihm nicht, sondern schickt ihn nach Hause zu den Seinen, damit er erzählt, was der Herr an ihm getan hat. Daraufhin geht er noch weiter: Er verkündete in der Dekapolis, was Jesus an ihm getan hat.

Wenn man der Geschichte weiter nachgeht, gibt es einen erstaunlichen Zusammenhang: Bittet die Bevölkerung Jesus noch an der Stelle, ihr Land zu verlassen, wird es einige Zeit später zu dem Gebiet, in dem eines der beiden großen Speisewunder geschieht.

Korea

Im 17. Jahrhundert gelang erstes Wissen über die katholische Lehre nach Korea. 1770 begann der erste Koreaner Hong Yu-han, aufgrund katholischer Bücher gewisse christliche Praktiken zu übernehmen. Es begann eine enorm spannende Geschichte: 1784 wurden ein Koreaner in Peking getauft. In Korea selbst fanden danach die Taufen durch Laien statt.

Siehe z. B. den Text Audienz von Johannes Paul II von 1984. Und die Entwicklung geht weiter: Gab es 1984 noch etwa 1,7 Millionen Katholiken in Korea, sind es Ende 2025 ca. 6 Millionen gewesen.

Aber neben der katholischen Kirche gab es mindestens zwei weitere große Erweckungen in Korea, besonders die große Erweckung von 1907 in Pjöngjang. Eine Erweckung außerhalb der katholischen Kirche.

Und als ich junger Christ war, schauten wir oft nach Korea, auf die evangelikal-pfingstkirchliche Bewegung. Ich zitiere ChatGPT:

„Das spektakulärste Beispiel ist die ⁠Yoido Full Gospel Church in Seoul. 1958 begannen Yonggi Cho und Choi Ja-shil mit einer Zeltgemeinde von gerade einmal fünf Menschen. Daraus entstand eine pfingstkirchliche Megagemeinde; 1988 hatte sie bereits mehr als 500.000 Mitglieder und galt damals als größte Einzelgemeinde der Welt.“

Eben zu der Zeit war ich Teil eines Geschehens in der Petrikirche in Hamburg. Aus einer kleinen Schar von Christen um Wolfram Kopfermann hatte sich in wenigen Jahren etwas entwickelt. Jeden Sonntagabend kamen mehr als 1000 Gottesdienstbesucher zu einem mehr als zweistündigen Gottesdienst in die Kirche.

Die Spannung bleibt

Ich sehe nicht, dass die Spannung in den beiden Bibelversen, die ich oben zitiert habe, aufgelöst werden kann. Ich erlebe sie in meiner eigenen Biografie und auch in meinem jetzigen kirchlichen Leben.

Gestern war ich zuerst zur Heiligen Messe und danach in der Friedenskirche, einer Pfingstkirche. Ich bin mir recht sicher, dass Gott in meiner Person gerade diese beiden Dinge zusammenführt und verbindet.

Ich freue mich an den je besonderen Gaben dieser Kirchen und leide zugleich an ihrer Zerrissenheit.

Mir scheint, ich bin gerufen, die Spannung zu tragen – nicht, sie aufzulösen.

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