Ernte ist nicht Mission

Do 01.10.2026

Lukas 10:1-12 – Die Aussendung der zweiundsiebzig Jünger

(Evangelium des Tages)

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

1 Danach bestimmte der Herr zweiundsiebzig (oder siebzig) andere und sandte sie zu je zwei vor Seinem Angesicht her in jede Stadt und jeden Ort, wohin Er selbst kommen wollte.

2 Er sagte aber zu ihnen: Die Ernte ist zwar groß, die Arbeiter aber sind wenige. Bittet daher den Herrn der Ernte, dass Er Arbeiter in Seine Ernte hinausschicke.

3 Geht! Siehe, Ich sende euch wie Lämmer mitten unter Wölfe.

4 Tragt keinen Geldbeutel, keine Tasche, keine Sandalen, und grüßt niemanden auf dem Weg.

5 In welches Haus ihr aber eintretet, sagt zuerst: Friede diesem Haus!

6 Und wenn dort ein Sohn des Friedens ist, wird euer Friede auf ihm ruhen; wenn aber nicht, wird er zu euch zurückkehren.

7 Bleibt aber in demselben Haus, esst und trinkt, was sie haben; denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Geht nicht von Haus zu Haus.

8 Und in welche Stadt ihr eintretet und sie euch aufnehmen, esst, was euch vorgesetzt wird,

9 und heilt die Kranken darin und sagt ihnen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.

10 In welche Stadt ihr aber eintretet und sie euch nicht aufnehmen, geht hinaus auf ihre Straßen und sagt:

11 Auch den Staub aus eurer Stadt, der an unseren Füßen haftet, wischen wir gegen euch ab. Doch dies sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe gekommen.

12 Ich sage euch: Sodom wird es an jenem Tag erträglicher ergehen als jener Stadt.

Andeutungen

Nach einigen Textzeugen sind es siebzig Jünger, die Jesus aussandte. Siebzig ist eine Zahl, die im Alten Testament häufig für die Völkerschar benutzt wird. Nicht nur bei der Völkertafel sind es siebzig Völker, sondern auch Jakob zieht zur Zeit Josefs mit siebzig Nachkommen nach Ägypten. In der rabbinischen Tradition begegnet immer wieder der Gedanke, dass Israel in seiner Berufung auch für die Völker steht und für sie handelt – gleichsam priesterlich.

Die Aussendung der zwölf Jünger wird nur ein Kapitel vorher berichtet. Und es gibt Parallelen, aber auch wesentliche Unterschiede.

Und vor allem: Es ist explizit von Ernte die Rede.

Mission als Ernte zu deuten, verkennt den Umstand, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Säen der Körner und dem Ernten der ausgereiften Pflanzen.

Christ sein

Wenn ich als Christ sage, das Wichtigste für Nichtchristen ist es, Christ zu werden, dann sage ich damit auch sehr stark, dass ich schon mal ganz richtig bin.

Aber ist das Aufgehen der Saat des Wortes Gottes schon das, wozu Gott mich – und jeden Menschen – in die Welt gegeben hat?

Ist der Sinn der Saat, zu keimen und zu wachsen?

Nein, der Sinn der Saat ist zwar auch, zu keimen und zu wachsen, aber er erfüllt sich erst in der Frucht, in dem Augenblick der Ernte.

Wo stehe ich?

Gestern hatten wir den Abschnitt „Vom Ernst der Nachfolge“, und der steht auch direkt vor diesem Text in der Bibel.

Vielleicht sind diese harten Worte, die Jesus zu den Menschen sagt, deren Saat schon aufgegangen ist und hoch, hoch emporgewachsen ist, das, wovon in diesem Abschnitt die Rede ist.

Mir scheint, es erfordert viel Mut, die Pseudosicherheit eines geglaubten Christseins noch mal ganz ins Feuer zu werfen. Ja, die Saat ist aufgegangen, und der Halm ist erkennbar. Vielleicht gibt es auch den Ansatz einer Ähre.

Aber was geschieht, wenn mir diese Fragen aus dem Ende des neunten Kapitels von Lukas gestellt werden?

Und wer will sich rufen lassen, vom Vater her, solche Fragen zu stellen?

Sodom

Was wäre geschehen, wenn Gott zehn Gerechte in Sodom gefunden hätte? Sodom wäre nicht untergegangen, aber das heißt nicht, dass es kein Gericht über die Menschen gegeben hätte.

Die Welt wird am Ende der Tage vor Gott nicht untergehen, obwohl sie so ist wie Sodom. Denn es gibt den Einen Gerechten und die Gerechten, die durch den Einen wahrhaft gerecht geworden sind.

Mir scheint die Konsequenz: Bete nicht einfach für Sodom, sondern bete rechtzeitig dafür, dass es zehn Gerechte in Sodom gibt.

Und gerecht ist nicht einfach der, der gerecht gesprochen wird, sondern dessen Gerechtsprechung sich in seinem Leben offenbart. Die Rechtsprechung ist der Auszug aus Ägypten, aber das gelobte Land ist damit noch nicht erreicht. Sondern in der Wüste des Lebens soll mein Herz so durchdrungen und durchtränkt werden von dem Wesen des Einen Gerechten, dass es bereit ist, über den Jordan zu gehen.

Lieber Vater, ich bitte dich: Berufe Dir Gerechte, deren Leben Frucht bringt – Frucht, die Gerechtigkeit für viele andere in sich trägt.

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