Fr 23.10.2026 🌷 Mutti
Lukas 12,54-59 – Die Zeichen der Zeit
(Evangelium des Tages)
Der Text
Übersetzung aus dem griechischen Urtext
54 Er sagte aber auch zu den Volksmengen: Wenn ihr eine Wolke im Westen aufsteigen seht, sagt ihr sogleich: Ein Regenguss kommt; und so geschieht es.
55 Und wenn der Südwind weht, sagt ihr: Es wird heiß werden; und es geschieht.
56 Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels wisst ihr zu beurteilen; wie aber kommt es, dass ihr diese Zeit nicht zu beurteilen wisst?
57 Warum aber urteilt ihr nicht auch von euch selbst aus, was recht ist?
58 Denn wenn du mit deinem Gegner zum Herrscher gehst, bemühe dich unterwegs, von ihm loszukommen, damit er dich nicht vor den Richter schleppt und der Richter dich dem Gerichtsdiener übergibt und der Gerichtsdiener dich ins Gefängnis wirft.
59 Ich sage dir: Du wirst von dort gewiss nicht herauskommen, bis du auch die letzte kleine Münze bezahlt hast.
Das gewünschte Ergebnis bestimmt den Beweis
In aller Regel entscheidet sich das Herz für etwas und der Verstand, die Argumente und Beweise müssen dieser Regung des Herzens Rechenschaft geben.
In einer Studie über Antisemitismus an Hochschulen (siehe hier)wurde auch die Frage gestellt, ob Israel einen Völkermord begeht. In einem weiteren Schritt wurde die Definition für Völkermord vorgelegt. Als danach die Frage des Völkermordes erneut gestellt wurde, war das Ergebnis trotz zusätzlicher Informationen gleich.
Ich würde mich nicht wundern, wenn Informationen sogar das Gegenteil bewirken können, von dem, was man erwartet. Herzen werden verhärtet und der innere Protest, eine vorher vielleicht noch vorsichtige Meinung, verengt sich.
Leben wir in der Endzeit?
Viele Christen glauben das.
Aber was sollten die Menschen all der Jahrhunderte machen, die diesen Bibeltext gelesen haben, gläubig waren und ihn auf ihre Zeit angewendet haben? Muss es nicht eine Zeit geben, in der wir sagen: Dieser Text gilt nicht für jetzt, seine Zeit kommt aber.
Außerdem gefällt mir Alarmismus gar nicht. Er führt zu falschem Verhalten und stumpft ab, wo es vielleicht nötig ist, wach zu sein. Oder Menschen tun etwas nur, weil sie das Gefühl haben, es ist Endzeit, und nicht, weil sie spüren, es ist ohnehin dran, umzukehren.
Kontext: besoffen sein
Vorgestern hatten wir die Stelle, in der davon die Rede ist, dass die Knechte essen und trinken und betrunken werden.
Ich bringe das Betrunkenwerden in Zusammenhang mit dem Dahingegeben sein. Wenn mein Herz sich so lange an etwas hingegeben hat, dass die Freiheit des Willens nahezu erloschen ist.
Dann geht es also weniger darum, zu prüfen, ob wir Südwind haben oder ob Endzeit ist. Sondern darum, ob der schwere Öltanker meines Herzens – mein verfettetes Herz – überhaupt noch auf das Ruder des Gewissens und des Redens Gottes hören kann.
Und nun doch
Mir scheint, es gibt ein Zeichen, das heute so deutlich wie der Südwind ist: Es ist die Verhärtung der Herzen.
Und das erlebe ich unter Christen genauso wie unter den Nichtchristen. Es ist eine Verminderung, bis an die Grenze des Verlustes des vielleicht Heiligsten im Menschen: der inneren Freiheit zur Umkehr.
An unserem Israel-Stand auf dem Markt gehen jedes Mal Hunderte Menschen vorbei. Einige Dutzend bleiben stehen und sprechen mit mir, mit uns. Und an manchen, wenigen, Tagen geschieht es, dass jemand etwas hören will, um sein Gewissen zu prüfen.
Wie halte ich mein Ohr offen?
Neben aller stillen Zeit, aller Selbstkritik und Selbstbefragung, ja sogar neben dem Geist Gottes brauche ich unbedingt noch eines:
Dass mich ein Mensch, dem ich am Herzen liege, wirklich hinterfragt.
Wahrheit geschieht, wenn mindestens drei zusammenkommen.
Einer davon bist du, Bruder, oder auch du, Fremder.