Die Sünde am Bruder

Mo 11.11.2024

Lk 17:1-6 Verführung zur Sünde, Vergebung, Kraft des Glaubens

Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein

Das ist der eine Pol. Von da aus gesehen kann niemand einen Stein werfen.

Auch die mildere Form, den Bruder auf eine Schuld hinzuweisen, ist oft durch den Balken im eigenen Auge annähernd unmöglich.

Die Form, in der heute die meisten Probleme dieser Art gelöst werden, ist manchmal Vorwurf und Kritik. Aber vielfach die Konsequenz, diesem Bruder aus dem Weg zu gehen, die Beziehung dünn und oberflächlich zu gestalten. Oder sich gar ganz von ihm zu trennen – bis in die Ehe hinein.

Die Menschen leben nach dem Motto: was ich nicht will, das man mir tue, das versuche ich auch bei dem anderen zu meiden.

So meide ich einfach.

Das Ergebnis ist tausendfache Spaltungen, besonders in der evangelischen Welt, eine Flut von verkrachten Familien und viele Ehescheidungen.

Die entscheidende Sünde, also die Zielverfehlung, ist aber genau dieses Trennen. Es ist das Ende der Liebe.

Das Ende der Liebe

Ich füge im Anhang einen Text von Charles de Foucauld an. Ich habe ihn aus dem Dienst „Evangelium Tag für Tag“.

Nicht zu sündigen, auch nicht an dem Bruder, ist nicht das Vermeiden von etwas, sondern im Gegenteil. Es ist gerade ein Unterlassen – das Unterlassen des Liebens: Das unterlassen des Liebens ist die Sünde!

Es ist wieder eine Art Kehrwert:

Nicht der Fehler ist das Problem, sondern das Fehlen.

Wer nichts falsch macht, indem er allein auf Fehler achtet und den anderen lieber meidet, der ist Sünder im christlichen Sinn.

In dem Buch „Die große Scheidung“ von C.S. Lewis stehen die Häuser derer, die nicht zum Reich Gottes gehören, immer weiter voneinander entfernt. Bis sich niemand mehr stört – und niemand mehr liebt.

Besser mit einem Mühlstein am Hals im Meer.

Wer andere dazu motiviert, sich zu trennen, dem droht Jesus schlimmeres an, als dies mit dem Mühlstein.

Denn er stellt dem Bruder die Falle der Trennung.

Und die Worte Jesu dafür sind überaus hart.

Die Nähe zu Gott und dem Himmel erkenne ich nicht an Gedanken und einem vermeintlichen Glauben. Sondern an der Sehnsucht und der Praxis zum Bruder hin.

Foucault betont – wie ich -, dass Liebe eine Entscheidung ist. Und damit für jeden möglich. Entscheidung ist der Ort der Würde des Menschen.

Und darum gibt es keine Ausrede.

Es reut mich

Jeder ist aufgefordert, nachdem er dies erkannt hat, zwei Dinge zu tun.

a) Seine Trennungen zu bereuen. Das kann jeder.

Man kann nicht fehlerfrei sein. Man kann aber immer umkehren. Umkehren zum anderen hin.

b) Dem alles restlos vergeben, der mit Reue kommt. Immer und immer und ohne jede Rache.

Von a) nach b) benötige ich den Glauben an die Liebe.

Und genauso wie Liebe eine Entscheidung ist, ist es der Glaube.

Glaube wird jedem angeboten – jeder entscheidet aber selbst, ob er ihn annimmt.

Glaube wie ein Senfkorn

Weil Glaube eine Entscheidung ist, habe ich ihn – oder nicht.

Es ist nicht eine Frage der Menge – wie die Jünger denken – sondern eine Frage der Vollständigkeit, der Endgültigkeit.

Ein Senfkorn, das immer wieder seziert und untersucht wird, verliert seine Keimfähigkeit.

Mit der endgültigen Entscheidung der Aussaat wächst die Wirkung von allein.

An mir ist es nur, nicht immer wieder an dem Keimling herum zu pulen oder meinen Glauben aus der Erde zu buddeln und zu untersuchen.

Ich kann meine Handlungen prüfen: Gehorchen sie dieser Grundentscheidung der Liebe, der Bezogenheit?

Wenn ja, dann sorge nicht um den Glauben. Wenn nein, dann gehorche endlich deiner Entscheidung. Das kann ich jederzeit tun.

Die Wirkung meiner Entscheidung hat direkten Einfluss auf den anderen, denn er ist Leib Christi wie ich. Eine tote Zelle vergiftet die Nachbarzellen. Ich entscheide nie für mich allein.

Hier nun der Text von Charles de Foucauld:

Hl. Charles de Foucauld (1858-1916)

Eremit und Missionar in der Sahara

Brief vom 15.07.1916 (ins Dt. übers. © Evangelizo)

„Vergib ihm“

Die Liebe besteht nicht darin, zu fühlen, dass man liebt, sondern lieben zu wollen. Wenn man lieben will, liebt man; wenn man über alles lieben will, liebt man über alles. Sollte man einer Versuchung erliegen, dann deshalb, weil die Liebe zu schwach ist, nicht weil es sie nicht gäbe. Dann muss man weinen wie der heilige Petrus, bereuen wie der heilige Petrus, … aber dann auch wie er dreimal sagen: „Ich liebe dich, ich liebe dich, du weißt, dass ich dich trotz meiner Schwachheit und meiner Sünden liebe“ (vgl. Joh 21,15f.).

Was nun die Liebe Jesu zu uns angeht, so hat er sie uns zur Genüge bewiesen, so dass wir an sie glauben können, auch ohne sie zu fühlen. Zu fühlen, dass wir ihn lieben und er uns – das wäre schon der Himmel; den Himmel gibt es aber, von seltenen Augenblicken und Ausnahmen abgesehen, auf dieser Erde nicht.

Erzählen wir uns doch oft unsere doppelte Geschichte: die Geschichte der Gnaden, die Gott uns seit unserer Geburt persönlich erwiesen hat, und die Geschichte unserer Treulosigkeiten. Darin werden wir Grund genug finden, … um uns in einem grenzenloses Vertrauen auf seine Liebe zu verlieren. Er liebt uns, weil er gut ist, nicht weil wir gut wären. Lieben nicht Mütter ihre Kinder auch dann, wenn diese vom rechten Weg abgekommen sind? Und wir werden auch Grund genug finden, um in Demut und Misstrauen uns selbst gegenüber zu versinken. Versuchen wir, unsere Sünden durch Nächstenliebe, durch das Gute, das wir dem Nächsten tun, ein wenig zu sühnen. Die Liebe zum Nächsten, das Bemühen, anderen Gutes zu tun, ist ein ausgezeichnetes Mittel, das wir den Versuchungen entgegensetzen können: Es bedeutet, von der bloßen Verteidigung zum Gegenangriff überzugehen.

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