Im Überschuss leben

Di 09.09.2025

Lk 6:12-19 Berufung der zwölf Jünger

Der Text

Aus dem griechischen Urtext.

12 Und es geschah in jenen Tagen, dass Er hinausging auf den Berg, um zu beten; und Er verbrachte die Nacht im Gebet zu Gott.

13 Und als es Tag wurde, rief Er Seine Jünger zu sich und wählte zwölf von ihnen aus, die Er auch Apostel nannte:

14 Simon, den Er auch Petrus nannte, und Andreas, seinen Bruder, und Jakobus und Johannes und Philippus und Bartholomäus,

15 Matthäus und Thomas und Jakobus, den Sohn des Alphäus, und Simon, genannt der Zelot,

16 Judas, den Sohn des Jakobus, und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde.

17 Und Er stieg mit ihnen hinab und stellte sich auf eine ebene Fläche, und eine große Menge Seiner Jünger und eine große Volksmenge aus ganz Judäa und Jerusalem und der Küstengegend von Tyrus und Sidon,

18 die gekommen waren, Ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden; und die von unreinen Geistern Geplagten wurden geheilt.

19 Und die ganze Menge suchte, Ihn zu berühren; denn Kraft ging von Ihm aus und heilte alle.

Anmerkungen aus der Peschitta (Syrisch-Aramäisch)

Vers 12

Statt „Er verbrachte die Nacht im Gebet zu Gott“ steht im Syrischen: „Er verbrachte die Nacht im Gebet Gottes“.

→ Die Formulierung klingt enger: nicht nur zu Gott, sondern in der Sphäre Seines Gebetes, als Teilhabe am Gebet selbst.

Kraft ging von Ihm aus

Das ist nicht magisch gemeint. Auch nicht einfach als Phänomen. Jesus handelt als Mensch – Er lebt vor, was wir als Menschen auch leben sollen.

Die Bedeutung Seines Werkes hängt mit Seiner Göttlichkeit zusammen, aber das tun selbst geht vom „Menschensohn“ aus.

Und Er sagt: „Ihr werdet größere Dinge tun.“

Wie kommt es zu diesem Überschuss an Kraft.

Gestern habe ich darüber nachgedacht, warum meine Willenskraft am Abend oft schwächer ist als den sonstigen Tag über. Es ist eine umfangreiche Betrachtung geworden – heute ein paar Aspekte daraus.

Im Gebet Gottes

Eine wunderbare Formulierung der Peschitta, die ganz aus dem Spüren der Zeit Jesu stammt (mehr als die griechische Quelle).

Jesus ist IM Gebet Gottes. In einer Art Modus, innerhalb Gottes. Ein Verkosten von Gemeinschaft mit Dir, Vater. Eine Art Liebesnacht.

Liebe ist nicht ein „sowieso schon“, sondern ein Erobern, ein Eintauchen, ein Ringen um.

Gott ist reine Wahrheit. Also auch Wirklichkeit. Unendliche Wirksamkeit (eben ganz „Akt“, wie die Theologen sagen).

Weil Er Wahrheit ist.

Aus dieser Liebesnacht geht Jesus im völligen Gehorsam, dem Liebesgehorsam, in die Welt.

Und darum wählt er diese Zwölf in vollkommener Autorität.

Es sind die, die es sein sollen. Und die damit Ausdruck des Aktes Gottes sind.

Wille und Wahrheit

Der Wille, der die Wahrheit Gottes vollzieht, vollzieht die Kraft Gottes.

In ihm ist keine Müdigkeit, kein Mangel – im Gegenteil.

In ihm ist Teilhabe an dem schöpferischen Überschuss Gottes. Der nicht nur ein Seiender ist, sondern ein sich entfaltender, ein überfließender Gott – ja ein Sein-stiftender Gott.

Ursache von allem ist, dass das Wesen Gottes Liebe ist.

Und Liebe schafft mehr, als vorher war.

Liebe ist überfließende Kraft.

Ich stimme Gottes Wahrheit zu – und ehre damit meinen Vater.

Und Zustimmen bedeutet Seinem Wesen zustimmen:

Seinem Blick und Seinem Überschuss für die Welt.

Jesus berührte Gott in der Nacht – die Menschen berühren den „Gottberührer“ – und sind berührt.

Praxis

Der Verlust von Kraft ist die Summe der Abweichungen vom Willen Gottes.

Jedes Abwenden des Blickes von der Hand des Herren kostet mich eigene Kraft. Bis sie erschöpft ist – und im Eigenwillen müde oder gar böse wird.

Ich möchte an anderer Stelle ausführlicher dazu schreiben. Hier nur ein Beispiel:

Als ich versucht habe, das hebräische Wort für „zuerst“, oder „vorher“ zu lernen, wollte ich „First things first“ übersetzen. Ich fand den Satz: דְּבָרִים רִאשׁוֹנִים קֹדֶם.

Im Hebräischen etwa: „Dinge vom Haupt her zuerst“.

Devarim hängt mit „Reden“ zusammen, Kodem hängt zudem mit dem Wort für Osten zusammen (von wo uns die Sonne und das Heil kommt).

In der Praxis sagen die Juden auch: קֹדֶם כֹּל, צָרִיךְ לִבְדֹּק אֶת הַלֵּב

„Vor allem muss man das Herz prüfen.“

Wunderbar.

Ich prüfe mein Herz vor dem Morgen im Angesicht Gottes.

Und dann tue ich ZUERST, was zuerst getan werden muss.

Nicht die Lust ist mein Herr, sondern mein Herz – gereinigt im „Gebet Gottes“.

Ist das getan, gibt es ein anderes „Jetzt“. Der Tag folgt der Wahrheit – nicht dem Erfolg, nicht der Lust, nicht zuerst der Idee.

Es gibt keinen Abfluss an Kraft.

Dies ist ein Punkt – mehr zu seiner Zeit.

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