Form und Gnade

Sa 11.07.2026 Hl. Benedikt von Nursia

Mt 19:27-29 Der Lohn der Nachfolge

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

27 Da antwortete Petrus und sprach zu Ihm: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind Dir nachgefolgt. Was wird uns nun zuteilwerden?“

28 Jesus aber sprach zu ihnen: „Wahrlich, Ich sage euch: Ihr, die ihr Mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf Seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, ebenfalls auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.

29 Und jeder, der Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker um Meines Namens willen verlassen hat, wird Hundertfaches empfangen und ewiges Leben erben.“

Hierarchie

Nicht jeder ist gerufen, sein äußeres Leben in der Weise zu geben, wie Petrus und die Jünger es taten. Ihre Form der Hingabe ist besonders, und sie hat Bedeutung für viele.

Sie erhalten nicht hundertfach für sich, sondern sie wirken hundertfach.

Es ist nicht einfach ein Geschäft. Ich gebe etwas ins Reich Gottes und empfange das X-fache dafür.

Sondern ich überlasse etwas aufgrund eines Rufes. Darin geschieht Wirkung, auch für andere. Es ist erkennbar, welche Frucht jener hervorruft, vielleicht nicht auf Erden.

In seinem wunderbaren Buch „Der Vater“ hat Jochen Klepper diese Haltung eines Königs aufgezeigt. Friedrich Wilhelm I. hat sich ganz als Diener des Staates gesehen. Sein Sohn hat dann formuliert: „Ich bin der erste Diener des Staates.“

Benedikt von Nursia

Ende des fünften Jahrhunderts waren die großen Städte Orte „sittenlosen Lebens“, wie er es formuliert. Benedikt entfloh diesem zunächst. Aus den Jahren der Stille wuchs das Werk der Klostergründungen, schließlich mit der „Regula Benedicti“. Sie verbindet Gebet, Arbeit, geistliche Lesung, Gehorsam und gemeinschaftliches Leben.

Die Wirkung und das Heil, die diese Regel für Europa bedeutet hat, sind kaum mit Worten zu ermessen. Es ist nicht die Gründung einer Art Klub gewesen, sondern es entstanden Quellen geistiger Autorität und Leitung für sehr viel mehr Menschen als die in den Klöstern.

Den Mönchen der Klöster wurde „hundertfach gegeben“, was sie selbst losgelassen haben. Ihre Ordnung trug viel, sie trug auch mit an dem Mangel an Ordnung, den es um sie herum gab.

Die Gnade sucht ein Gefäß

Und sie formt sich ein Gefäß.

Wer wahrhaft von der Gnade berührt wird, wird ihr ein Gefäß schaffen, das einen Überfluss vorbereitet.

So wie der Geist sich im Leib ein Gefäß geschaffen hat, so schafft sich die Gnade mit einem Raum der Ordnung ein Gefäß, einen Ausdruck ihrer selbst.

Die Ordnung ist ein Werkzeug, genauer vielleicht: ein „Wirkzeug“ der Gnade.

Es ist zunächst die äußere Ordnung, das Aufräumen, der Tagesablauf.

Aber dann auch die Ordnung der Kirche, die Ordnung des Leibes, die Ordnung der Tage und vieles mehr. Schließlich die Heilige Liturgie, wie sie uns die Orthodoxen offenbaren.

Keine tote Ordnung, wie ein seelenloser Körper nach dem Tod. Sondern eine bewegliche Ordnung, die mit immer weniger Macht und Vorschrift doch zu dem kommt, dem eine zunächst nur äußere Form durch Vertrauen in sie, auch nahekommen kann.

Kirchengeschichte

Sie ist nicht eine lineare Entfaltung der Wahrheit.

Sondern sie hat Zeiten und erlebt Epochen im Blick auf ihren eigenen geistigen Stand und im Blick auf ihre Umwelt.

Wenn sie auch insgesamt in ihrem Kern eine Entfaltung ist.
Trinität und die Würde des Menschen sind in der Kirchengeschichte entfaltet worden, auch wenn sie schon in der Thora grundgelegt sind.

Aber sie hat auch Provisorien erlebt und Niedergänge. Nicht jede alte Regel ist für unsere Zeit geschaffen. Aber der Geist hinter der Regel ist ewig.

Sehr gut zu studieren an Israel.

Insgesamt entfaltet sich die Offenbarung der Wahrheit im Laufe der Geschichte. Der Boden wird bereitet für Maria, für den Messias.

Aber offenbar gibt es auch schreckliche Niedergänge.

Freiheit

Die wahre Freiheit besteht in der Freiheit zur Ordnung. Solange ich die Ordnung als Mühe und Knechtschaft empfinde, lebe ich mit einem Bein hier und dem anderen dort.

Dabei kann die tradierte Ordnung auch Frucht menschlicher Überformung sein. Dann offenbart sich die innere Nähe zu Jesus Christus in der eigentlich gemeinten Form der Ordnung.

Hintergrund

Hintergrund dieser Andacht ist eine Frage einer Freundin. Sie ist mit einem Thema konfrontiert, das in einem Slogan zusammengefasst wird:

„Die Geschichte des Christentums ist eine Dekonstruktion heiliger Ordnungen.“

Es gilt, das Gute darin zu suchen, ohne dem Risiko der Geistlosigkeit zu erliegen. Eine große Herausforderung. Sie dient dazu, näher an Dich, Herr Jesus, zu rücken.
In Deiner Nähe sehe ich die Quelle selbst und fürchte kluge Argumente nicht.

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