Der Kampf um das Lauschen

Mi 29.07.2026

Lk 10:38-42 Maria und Marta

(Evangelium des Tages)

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

38 Als sie aber weiterzogen, kam Er in ein Dorf; und eine Frau namens Marta nahm Ihn in ihr Haus auf.

39 Und sie hatte eine Schwester, die Maria hieß; diese setzte sich zu den Füßen des Herrn und hörte Seinem Wort zu.

40 Marta aber war von vielem Dienen ganz in Anspruch genommen. Sie trat hinzu und sprach: „Herr, kümmert es Dich nicht, dass meine Schwester mich allein dienen lässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!“

41 Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: „Marta, Marta, du bist besorgt und beunruhigt um vieles;

42 eines aber ist nötig. Maria hat nämlich den guten Teil erwählt, der ihr nicht genommen werden wird.“

Marta ist Segen

Ohne Marta wäre Jesus vermutlich gar nicht im Haus und Maria hätte nicht zu Seinen Füßen lauschen können.

Gastfreundschaft ist ein extrem hoher Wert. Ich muss Menschen erst einmal einladen. Wirklich physisch einladen.

Und ein gewisses Maß an Mühe ist dafür Ausdruck des Respektes. Manche Menschen übertreiben etwas – aber sie sind mir ein Ansporn, denn ich untertreibe eher.

Marta hat sich für Jesus entschieden. Sie will Ihn bei sich haben. Sie ist so der Anfang des Segens für ihr ganzes Haus, für Maria und Lazarus, ihren Bruder.

Marta wird später ein grandioses Messiaszeugnis sprechen:

„Ja, Herr, ich glaube, dass Du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.“ (Joh 11,27)

Das ist Marta – wunderbar.

Wenn dies schon so kostbar ist, was sagt das dann über den Wert des verweilenden Lauschens auf Jesu Worte aus?

Komplementär

Marta und Maria sind unterschiedlich.

Und sie reiben sich aneinander. Zumindest Marta an Maria.

Marta wird in meiner Kirche als eine Heilige verehrt. Heute ist ihr Gedenktag, zusammen mit Maria und Lazarus.

Heiligkeit fällt nicht vom Himmel.

Martas Intervention bei Jesus ist nicht heilig.

Aber sie klärt, was sie bewegt – an der richtigen Adresse. Vielleicht schon hier nicht zwingend nur als Vorwurf. Vielleicht auch schon als staunende Frage.

Wer bist Du, dass es wichtiger ist, Dir zuzuhören, als Dich zu bedienen?

Bist Du gekommen, dass Du uns mit Deinen Worten dienst – gar nicht so sehr, um von mir und uns bedient zu werden?

Ich weiß nicht, ob das in ihrem Herzen war – aber warum nicht eher das Gute vermuten?

Nachdem nun die Gastfreundschaft so wichtig ist, und das Zuhören doch der Teil den Jesus besonders hervorhebt, ergibt sich ein wunderbares Ganzes.

Denn Jesus sagt nicht, Maria habe etwas Besseres gemacht. Sondern Er spricht von einem Teil. Ein Teil von einem Ganzen. Der gute Teil hebt den anderen nicht auf – beides ist wertvoll, wenn auch nicht in gleichem Maße.

Ertragen

Maria erträgt die Kritik von Marta.

Vermutlich kannte sie Marta so, dass sie diese Kritik schon erwarten konnte.

Offenbar hat sie es in Kauf genommen. Von Anfang an erkannte sie dieses Geheimnis der Worte Jesu, der direkten Nähe zu Ihm, der Kostbarkeit, zu Seinen Füßen zu sitzen.

Das Rechte zu tun hat auch einen Preis. Zuweilen die Kritik anderer frommer Menschen. Einer zunächst berechtigten Kritik.

Ich muss schon eine klare Priorität zwischen zwei guten Dingen setzen. Eine Priorität, die mich etwas kostet.

Bei uns Männern ist das meist besonders schwer.

Die Priorität ist von Natur aus die sichtbare Tat. Vielleicht war Lazarus auf dem Acker und pflügte.

Wir Männer „können es uns nicht leisten“, lange still herumzusitzen.

Oft auch vor dem eigenen Herzen und einem Teil des Gewissens.

Ist die Zeit nicht kostbar zum guten Werk?

Das „Nichts“ in der Gelegenheit

Die kleine Erzählung von dem „Nichts“ der Frauen vom 22.07.2026 bewegt mich nachhaltig.

Der Besuch von Engeln erscheint in der Regel wie ein Nichts. Sie verbergen sich gekonnt im Alltag, in Situationen des „Nichts“.

Bleibe ich stehen und warte oder stelle eine Frage, bricht aus diesem kaum Erkennbaren eine kostbare Begegnung heraus.

Mein unsichtbarer Engel geht ständig neben mir her.

Sein Blick geht zuweilen auf eine Situation, auf einen Menschen, und ich spüre, ich sollte stehen bleiben und etwas sagen.

Fragend, offen, in der Erwartung einer Überraschung.

Oft scheinbar ungelegen, so wie gestern Abend, als ich in Eile war.

Ein Wort nur zu einem älteren Mann – und ein Schwall von Antwort.

Vielleicht hätte ich noch länger bleiben sollen.

Meine Andachten

Ich halte meine Andachten für eine gute Übung im Innehalten. Ich schreibe einen Satz für zehn Gedanken. Wer es liest oder hört, braucht auch ein paar mehr Gedanken als die gesagten Worte.

So übt er sich ein in Langsamkeit. In Geduld beim Verweilen. Anders sind diese Texte nicht zu lesen.

Im schnellen Auto nehme ich die Welt nicht wahr.

Nur wenn ich jederzeit anhalten kann und dieses Anhalten gewohnt bin, sehe ich hinter dem „Nichts“ der Männer das „Alles“ der Maria.

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