Mi 12.08.2026
Mt 18:15-20 – Die brüderliche Zurechtweisung
(Evangelium des Tages)
Der Text
Übersetzung aus dem griechischen Urtext
15 Wenn aber dein Bruder gegen dich sündigt, geh hin und weise ihn zurecht, zwischen dir und ihm allein. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen.
16 Wenn er aber nicht hört, nimm noch einen oder zwei mit dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen festgestellt werde.
17 Wenn er aber nicht auf sie hört, sage es der Gemeinde. Wenn er aber auch auf die Gemeinde nicht hört, sei er dir wie der Heide und der Zöllner.
18 Amen, Ich sage euch: Was immer ihr auf Erden bindet, wird im Himmel gebunden sein, und was immer ihr auf Erden löst, wird im Himmel gelöst sein.
19 Wiederum sage Ich euch: Wenn zwei von euch auf Erden übereinstimmen über irgendeine Sache, um die sie bitten, wird sie ihnen zuteilwerden von Meinem Vater in den Himmeln.
20 Denn wo zwei oder drei in Meinem Namen versammelt sind, dort bin Ich mitten unter ihnen.
Unbedingt einbetten
Dieser Text darf nicht ohne den Text davor und danach gelesen werden. Davor ist von der besonderen Stellung der Kleinen vor Gott die Rede, von dem Suchen des verlorenen Schafes, von der Warnung vor der Verführung die Rede.
Danach geht es um das unbegrenzte Vergeben. Vergebung ohne Maß.
Diese Warnungen und Anweisungen sind so gewichtig, dass es passieren kann, dass man meint, man müsse alle Sünden zudecken.
Wer möchte die Verantwortung übernehmen, einem Bruder klar zu sagen: Du handelst falsch, mein Bruder?
Die Mehrheit, die Leiter
Ich vermute, die Mehrheit liegt in der Regel falsch.
Ja, ich schaue oft, was die Mehrheit sagt, und nehme das als Indiz, dass es genau so nicht ist. Das Volk schreit schnell „Kreuzige Ihn, kreuzige Ihn“.
Und ob das Kirchenvolk besser ist, bezweifle ich. Die Mehrheit der Christen liegt vermutlich öfter falsch als richtig.
Und wie schnell sollen Menschen ausgeschlossen werden, weil sie unbequem sind? Wie oft sind diese Bibelstelle und die analogen Stellen bei Paulus missbraucht worden!
Und doch.
Kein sicherer Ort
Die Flucht in die Vereinzelung, in die Beliebigkeit, die unbegrenzte Toleranz ist nicht die Lösung.
Du, Vater, gibst Menschen Verantwortung für andere.
Und: – Du forderst den anderen von mir.
Habe ich meinen Bruder nicht gewarnt, nicht zurechtgewiesen, wo es geboten war, und er fällt – Du wirst sein Blut von mir fordern.
Ich verweise dringend auf Hesekiel 3,18-21 und Kap. 33,1-9!
Ich vermute, das haben wir heute mehr verloren als das zuvor Genannte. Geschichtlich war es vielleicht lange anders.
Ausgequetscht
Weder das eine noch das andere ist die Lösung. Ebensowenig die Mitte, das Laue.
Es gibt keine Anweisung, die klar genug ist, keine Checkliste, kein Gesetz, kein Manual, keine Versicherung.
Es gibt nur Dich.
Du, der Bruder und ich.
Und dringlich: Der Rat des Dritten, wenn sich denn jemand findet.
Nirgends spüre ich mein Ausgeliefert-Sein in Deine Hand deutlicher als in solchen Situationen.
Ich sehe die Schuld des Bruders (die Schwester immer mitgedacht, auch der Nicht-Christ immer dabei). Und ich kann schweigen – und soll vielleicht schweigen.
Aber vielleicht auch nicht –.
Zu meiner eigenen Schuld vor Dir kommt jetzt hinzu:
- Falsch geredet zu haben und den Bruder in die Verhärtung getrieben zu haben.
- Oder falsch geschwiegen zu haben und den Kairos gehen gelassen zu haben.
Meine eigenen charakterlichen Mängel wiegen plötzlich schwerer als sonst.
Feigheit oder Überheblichkeit? Der Wunsch, gemocht zu werden, oder die Eitelkeit, es besser zu wissen?
Am Ende der Zeit wird mein Bruder vor mir stehen und es wird offenbar, wie ich an ihm gehandelt habe.
Eine Bibelstelle zu nennen, wird mir nicht helfen – sondern meine Liebe zu ihm wird offenbar. Oder eben der Mangel an Liebe, der durch Selbstliebe kam.
Herr Jesus, prüfe mein Herz und zeige mir, wie ich es meine. Um meines Bruders willen.