Wie werde ich wie ein Kind?

Fr 02.10.2026

Mt 18:1-5.10 – Der Rangstreit der Jünger

(Evangelium des Tages)

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

1 In jener Stunde traten die Jünger zu Jesus und sagten: Wer ist denn der Größte im Reich der Himmel?

2 Und Er rief ein Kind zu Sich, stellte es in ihre Mitte

3 und sprach: Amen, Ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr keinesfalls in das Reich der Himmel hineinkommen.

4 Wer sich also selbst erniedrigt wie dieses Kind, der ist der Größte im Reich der Himmel.

5 Und wer ein solches Kind in Meinem Namen aufnimmt, nimmt Mich auf.

10 Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn Ich sage euch: Ihre Engel in den Himmeln schauen allezeit das Angesicht Meines Vaters in den Himmeln.

Zwei Themen?

Der Vers 10 steht in meiner Lutherbibel schon unter der Überschrift des nächsten Abschnitts: „Vom verlorenen Schaf“.

Und auch Vers 5 scheint zunächst nicht zu dem zu passen, was in Vers 1-4 steht. Es geht zuerst darum, dass der Größte der Kleinste sein soll, und später geht es darum, was es überhaupt heißt, der Kleinste zu sein.

Da ist von Verführbarkeit die Rede und von Verlorenheit und von Verirrung (Verse 6-9 und ab 10).

Sollen wir etwa verführbar werden wie das Schaf, das sich verlaufen hat, damit wir in die Rolle des zu Rettenden rutschen?

Sicher nicht.

Erleben

Gestern gab es einen Mailverkehr, der mich emotional auch heute Morgen in der stillen Zeit noch abgelenkt hat. Wenn ich nun diese Ablenkung nicht wegschieben kann, suche ich sie zu integrieren. Denn alles muss mir dienen.

Der Gesprächspartner ist ein einigermaßen bekannter und erfolgreicher Mann im Reich Gottes. Viele Dinge, die er publiziert, sind gut, und ich habe sie auch schon weitergegeben. Nun gab es zum ersten Mal einen Punkt, an dem ich energisch widersprochen habe. Es war überhaupt das erste Mal, dass ich mit ihm Kontakt aufgenommen habe. In seiner Antwort ist er nicht auf mein Angebot eingegangen, es ihm genauer zu erläutern, sondern hat mir noch einmal seine Position erklärt.

Zur Wahrheit gehört, dass ich denke, dass ich auf dem geistigen Weg weiter bin als er. Denn ich habe noch nie etwas von ihm gehört, was ich nicht kannte, kenne aber manches, was er nicht kennt – konkret auch diese Thema, worum es hier ging.

Da habe ich also genau die Situation der Jünger in meinem Herzen. Puh.

Verlorenes Schaf

Mir scheint, die Geschichte vom verlorenen Schaf und die Verse 6–9 aus dem Text von heute gehören unbedingt zum Rangstreit dazu.

Und so geht auch meine Geschichte weiter:

Die E-Mail des Mannes endete ohne Aufforderung zur Antwort. Es wirkte auf mich so, als wenn dies ein Mann ist, der eigentlich keine Antworten erwartet, weil er sich selbst für hinreichend gut hält.

Er bringt jeden Monat eine recht umfangreiche Broschüre heraus, die die Leser informiert, belehrt und aufklärt. Und ich halte sie für gut.

Aber in diesem Fall ist die Botschaft so falsch, dass sie eine Gefahr für die Leser ist. Gerade als Therapeut habe ich mit Menschen zu tun, die Schaden genommen haben an dieser Art von Aussage.

Meine innere Frage war, ob ich einen Menschen, der gar nichts hören will, nicht besser sich selbst überlassen soll.

Aber ist nicht gerade das die Situation eines Schafes, das sich im Gebirge verstiegen hat und in diesem Bereich zu einem verlorenen Schaf geworden ist?

Auch die Schriftgelehrten glaubten, genug zu wissen und Jesu Lehre nicht zu brauchen, sondern im Gegenteil, Ihn prüfen zu können. Und Du, Herr Jesus, bist ihnen nachgegangen, hast mit ihnen gesprochen, unabhängig davon, ob sie umgekehrt sind.

Das verlorene Schaf ist nicht unbedingt der Kleine, sondern der, der sich selbst für groß hält.

Und ich?

Und da habe ich etwas, was zunächst wie eine Zwickmühle aussieht. Ich bin überzeugt davon, dass ich ihm etwas zu sagen habe, also in gewisser Weise „größer“ bin. Gleichzeitig hätte ich gerne die Ehre, als demütig zu gelten oder vielleicht sogar demütig zu sein. Komme ich nicht wie ein Besserwisser rüber, wenn ich ihm schreibe?

Meine Antwort darauf ist nicht, dass ich aus lauter Demut die Dinge nicht mehr benennen soll. Jedenfalls wenn ich nicht gefragt werde.

Sondern dass ich einer werde, der allezeit bereit ist, sich belehren und korrigieren zu lassen. Vielleicht und gerade auch von jemandem, von dem ich sonst glaube, er wäre geistig nicht besonders weit.

Demut ist kein Freifahrtschein für Verantwortungslosigkeit. Jesus sagt in einem Atemzug, dass wir werden sollen wie die Kinder, und im anderen Atemzug, dass wir uns um diese Kleinen kümmern sollen.

Vielleicht kann man sagen: Es geht darum, zugleich dem anderen ein Vater zu sein und dem Vater ein Kind zu sein.

Persönlicher Engel

Der persönliche Engel dessen, der in seinem Herzen eine kindhafte Offenheit für den Vater hat, steht allezeit vor dem Angesicht des Vaters.

Und ein Schutzengel hat nicht als vornehmste Aufgabe, mich vor physischem Unglück zu bewahren. Sondern vor geistigem Stolpern. Wer im Modus des Gehorsams ist, dem wird ein Weg an einem Stolperstein vorbei gezeigt werden. Und der wichtigste Stolperstein ist die Missachtung des Bruders, der vor einem Stolperstein steht.

Hinterlasse einen Kommentar