Di 06.10.2026
Lukas 10:38-42 – Maria und Marta
(Evangelium des Tages)
Der Text
Übersetzung aus dem griechischen Urtext
38 Als sie aber weiterzogen, kam Er in ein Dorf. Eine Frau aber mit Namen Marta nahm Ihn auf.
39 Und diese hatte eine Schwester, die Maria genannt wurde; die setzte sich zu den Füßen des Herrn und hörte Sein Wort.
40 Marta aber war abgelenkt durch vieles Dienen. Sie trat hinzu und sagte: Herr, kümmert es Dich nicht, dass meine Schwester mich allein dienen lässt? Sag ihr doch, dass sie mir hilft!
41 Der Herr aber antwortete und sagte zu ihr: Marta, Marta, du sorgst dich und bist beunruhigt um vieles;
42 eines aber ist nötig. Maria nämlich hat den guten Teil erwählt, der ihr nicht genommen werden wird.
Einordnung
Dieser Text steht in Spannung zu dem von gestern. Gestern hatten wir den guten Samariter, der sich durch die gute Tat auszeichnete. Heute wird besonders Maria beachtet, die sich dadurch auszeichnet, dass sie Jesus zuhört, während Marta die gute Tat tut.
In der Tora hatte ich gestern Abend besonders den Teil des Schöpfungsberichts, in dem der Mensch geschaffen wird. Tier und Mensch haben eine Seele נֶפֶשׁ (Näfäsch). Aber beim Menschen wird die Schöpfungsarbeit mit Händen und Atem Gottes wie ein manueller Akt beschrieben.
Seele, נֶפֶשׁ (näfäsch), und Lebensatem, נְשָׁמָה (neschmah).
Sowohl Tier als auch Mensch sind lebendige Seelenwesen. Ich habe Mühe gehabt, den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu verstehen. Denn es scheint weniger im Sein zu liegen als in einer Art Prozess.
Das Tier scheint von Anfang an festzuliegen und wird durch ein Wort ins Sein gerufen.
Der Mensch wird aber durch Formung, durch Worte, durch Erkenntnis und Begegnung mehr und mehr eigentlicher Mensch.
Das geschieht in persönlichem Kontakt zwischen Gott und Mensch. Mir scheint, die Formung des Leibes und die Formung der Seele in gewisser Weise ein ähnlicher Prozess zu sein.
Ich verstehe es so, dass die Formung des Menschen nichts Abgeschlossenes ist, sondern ein ständiges Miteinander zwischen Gott und Mensch.
Darauf wirft auch der Umstand ein Licht, dass vor der Entstehung von Mann und Frau ein Prozess der Erkenntnis des Menschen liegt. In der Benennung und damit der Erkenntnis der Tiere erkennt der Mensch, dass er ein Gegenüber braucht, das ihm entspricht. Danach schenkt Gott ihm ebenbürtige Gemeinschaft.
Maria und Marta
Sie sind Bilder von Werk und Reifung.
Ich umgehe das Wort Erkenntnis, weil es mir in diesem Zusammenhang zu abstrakt erscheint. Maria atmet den Lebensatem ein. Aber sie wird doch wieder „ausatmen“. Es sind zwei Teile einer Sache, und doch nennt Jesus den einen Teil den guten Teil.
Im Vollzug dessen, was ich bin, erkenne ich, was ich bin und wo ich stehe. Das kann mehr oder weniger gut oder fortgeschritten sein.
Aber das Wesen des Menschen ist mehr als sein Status. Es ist besonders die Aufnahme Gottes, die zu einem ständigen Werden und Sich-formen-Lassen führt.
Ich spüre einen Mangel an Worten.
Ich verstehe es so: Der Mensch hat nicht etwas, was ihn vom Tier unterscheidet, sondern er vollzieht etwas. Das „Atmen Gottes“; Hören und Tun.
Keine Bilanz
Das erinnert mich an Hesekiel:
Hesekiel 18:
21 Der Gottlose, der umkehrt und Gottes Recht tut, soll leben; seiner früheren Vergehen soll nicht mehr gedacht werden.
22 Der Gerechte dagegen, der sich von seiner Gerechtigkeit abwendet und Unrecht tut, kann sich auf seine früheren gerechten Taten nicht berufen.
Es geht also nicht um eine Bilanz mit Plus und Minus, sondern um eine Richtung, eine Entwicklung und ein Vorher-Nachher.
Seelsorge
Für manchen Menschen ist etwas gut, was für einen anderen Menschen schon lange nicht mehr gut ist. Für jemanden, der mit einer großen Hypothek ins Leben startet, gilt etwas anderes als für jemanden, dem dies oder das schon gegeben ist.
In der Seelsorge kommt es darauf an, zu erkennen, wo die Hypothek endet und die Freiheit beginnt. Verantwortlich und frei zu handeln, bedeutet dann, verantwortlicher und freier zu handeln als gestern.
Zwar gibt es den Raum der Entlastung und Tröstung, und er ist wichtig. Aber es ist mehr eine Anerkennung dessen, was mir gegeben ist. Was mir aber gegeben ist, ist mir auch aufgetragen.
Sei es eine Gabe, aber auch eine Hypothek, eine Last aus der Vergangenheit oder aus den Umständen oder den Begabungen.
Solange ich lebe, atme ich, und solange ich atme, empfange ich.
– Und alles, was ich empfange, wird mir zur Verantwortung.