Do 08.10.2026
Lukas 11:5-13 – Der bittende Freund
(Evangelium des Tages)
Der Text
Übersetzung aus dem griechischen Urtext
5 Und Er sagte zu ihnen: Wer von euch wird einen Freund haben und um Mitternacht zu ihm gehen und zu ihm sagen: Freund, leihe mir drei Brote,
6 denn ein Freund von mir ist von einer Reise bei mir angekommen, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen könnte.
7 Und jener wird von innen antworten und sagen: Mach mir keine Mühe! Die Tür ist schon verschlossen, und meine Kinder sind mit mir im Bett. Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.
8 Ich sage euch: Auch wenn er nicht aufstehen und ihm geben wird, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Unverschämtheit aufstehen und ihm geben, so viel er braucht.
9 Und Ich sage euch: Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch geöffnet werden.
10 Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende findet, und dem Anklopfenden wird geöffnet werden.
11 Welchen Vater aber unter euch wird sein Sohn um einen Fisch bitten, und er wird ihm statt eines Fisches eine Schlange geben?
12 Oder wenn er auch um ein Ei bittet, wird er ihm einen Skorpion geben?
13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater aus dem Himmel Heiligen Geist denen geben, die Ihn bitten!
Freies Gebet
Gestern hatten wir das vorformulierte Gebet, das Vaterunser. Beides hat seine Zeit und seinen Ort. Es passiert immer öfter, dass ich den Eindruck habe, es gibt nicht eine Wahrheit, sondern Spannungen zwischen verschiedenen Aspekten der Offenbarung Gottes. Die Wahrheit, auch die Wahrheit der Bibel, legt mich nicht einfach fest. Sie gibt Anhaltspunkte und übt ein in das Hören.
Eine Beziehung mit dem Vater wird nicht durch das lexikalische Nachschlagen in einem Kompendium ersetzt.
Unsympathische Bibelstelle
Es gibt einige Bibelstellen, die mir unsympathisch sind, und diese gehört eindeutig dazu.
Möchte denn Gott, dass ich Ihn anbettele? Weiß Er denn nicht schon immer, was gut für mich ist? Muss ich Gott ständig darüber informieren, was los ist, welcher Mangel existiert? Und soll ich denn nicht das Schicksal tragen, das Er für mich bestimmt hat?
Und was mache ich, wenn ich Ihn anbettele, Er aber doch nicht auf mich hört?
Das ist ein Grund, warum ich nicht sehr gerne in Gemeinschaft bete.
Aber nun: Dieser Text ist mir aufgegeben. Und ich weiß, Du bist gut, Herr Jesus, und was Du sagst, ist immer Segen und Gnade.
Die Sünde lauert vor der Tür
In der Tora-Lesung gestern ging es auch um Kain. In 1. Mose 4, Vers 7 sagt Gott zu ihm:
„Ist es nicht so: Wenn du gut handelst, gibt es Erhebung; wenn du aber nicht gut handelst, lagert die Sünde vor der Tür. Und nach dir ist ihr Verlangen; du aber sollst über sie herrschen.“
Die Sünde ist der Selbstbezug, die Selbstliebe. Kain achtet darauf, dass er nicht zu kurz kommt. Manche Rabbiner weisen darauf hin, dass Kain etwas von seiner Ackerfrucht gibt, mit der Betonung auf „etwas“. Abel dagegen opfert „von den Erstlingen seiner Herde, von ihrem Fett.“ Von den Besten.
Gott spricht mit Kain, noch bevor Kain zum Täter wird, zum Mörder seines Bruders.
Ich kenne das von meinem Gewissen. Es spricht regelmäßig vor der Tat. Es sagt in etwa: Was du hier spontan willst, ist nicht das Gute. Höre doch darauf, was ich dir von Gott sage.
Die Schlange ist nahe, Gott aber kommt erst „am Abend“. So bei Eva. Aber doch hat Gott einen treuen Boten hinterlassen, mein Gewissen. Vielleicht ist es auch mein Engel, der mich an die Güte und Gutheit Gottes erinnert.
Was hat das nun alles mit dem Bettel-Gebet zu tun?
Bitten – suchen – klopfen
Mir scheint, das, was mir wie ein Bettelgebet vorkommt, ist nur die allererste Hürde auf dem Weg der Hinwendung zu Gott. Es ist nicht die normale Grundhaltung.
Aber es ist besser, zu betteln, als der Sünde der Selbstsucht zu verfallen.
Geht es nicht darum, Gott zu offenbaren, dass ich wirklich eine Beziehung zu ihm will? Dass ich Ihn wahrhaft suchen will und dort, wo die Türen verschlossen erscheinen, mit aller Kraft anklopfen will?
Denn es ist in Wirklichkeit nicht so, dass Du, Gott, in deiner Kammer schläfst und nicht gestört werden willst. Es ist nicht so, dass Du Deine Ruhe haben willst.
In Wahrheit stehst Du vor meiner Tür und hoffst, dass ich zu Dir herauskomme. Du hoffst auf Antwort von mir.
Du hast schon bezahlt, und ich habe es noch nicht einmal angenommen.
Und was hat das nun alles mit Kain zu tun?
Die Sünde ist nahe
Wenn nun Sünde Autonomie ist, dann ist jeder Gesprächsweg mit Gott ein Weg zur Heilung.
Wer vor Gott kein Bettler sein will, hat schon den ersten Schritt in Richtung Autonomie getan. Schon der Name Kain hängt mit dem hebräischen Begriff „kaufen“ oder „erwerben“ zusammen. Eben nicht betteln, sondern ein Geschäft machen.
Der Bettler hat nichts einzutauschen.
Schien mir noch am Anfang der Andacht der Bettler ein Anfänger im Gebet zu sein, scheint es mir nun, dass auch am Ende wieder das Betteln steht.
Vielleicht habe ich nichts, was ich Dir geben könnte für Deine Liebe, Vater, was ich eintauschen kann. Und dann will ich lieber ein Bettler vor Dir sein, als keine Beziehung zu Dir zu haben.