Sehe ich die Menschen?

Di 07.07.2026

Mt 9:32-38 Heilung eines Stummen; die große Ernte

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

32 Als sie aber hinausgingen, siehe, da brachten sie einen stummen, von einem Dämon besessenen Menschen zu Ihm.

33 Und nachdem der Dämon ausgetrieben worden war, redete der Stumme. Und die Volksmengen staunten und sprachen: „Niemals ist so etwas in Israel erschienen!“

34 Die Pharisäer aber sprachen: „Durch den Obersten der Dämonen treibt Er die Dämonen aus.“

35 Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.

36 Als Er aber die Volksmengen sah, wurde Er von Erbarmen über sie ergriffen, weil sie erschöpft und hingeworfen waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.

37 Dann spricht Er zu Seinen Jüngern: „Die Ernte zwar ist groß, die Arbeiter aber sind wenige.

38 Bittet nun den Herrn der Ernte, dass Er Arbeiter in Seine Ernte hinaussende.“

Erbarmen

Im syrisch/aramäischen Text (Peschitta) steht für Erbarmen das Wort אֶתְרַחַם (ʾetraḥam). Dahinter steht die Wurzel ר־ח־ם, dieselbe Wortfamilie wie:

רַחֲמִים (raḥamim) – Erbarmen, Barmherzigkeit

רֶחֶם (reḥem) – Mutterschoß

Das griechische Wort für Erbarmen ist vom Wort für Eingeweide abgeleitet.

Man könnte übersetzen:

„Es zerriss ihm das Innerste.“

Ich sage: Jesus ist im Innersten so betroffen, in Seinem Leiblichen, auch körperlich, dass Er dafür Sein ganzes Sein hingeben wird.

Betroffen von dem, was andere Menschen betrifft.

Erleben

Gestern waren wir in Harburg wegen eines CT-Termins im Phönix-Center. Es gab einen Alarm und das Center wurde geräumt.

Wir standen unter den vielen Menschen vor den Türen. Und ich sah sie an.

Dies hier sind die Menschen, die Jesus in Galiläa gesehen hat. Und Seine Augen sahen sie so, dass es Ihm nahe ging, wie eine Mutter ihr Kind im Leibe nahe ist. Mein eigener Blick war zunächst noch durch Selbstbezug getrübt. Was machen diese Menschen mit meiner Seele? Dann aber sah ich ein wenig, um was es Dir geht.

Später sprach ich mit einer Schuhverkäuferin und es war ein nahes Gespräch. Ich nahm ihre Last wahr, unter der sie in der Umgebung arbeitet.

Zu all der Last des Lebens werden die Kunden in Harburg für sie immer mehr zu einer Grenzerfahrung.

Wer die Gegend in Harburg kennt, wird wissen, wovon ich spreche. Die Frau wäre am liebsten geflohen – aber wohin?

Selbstbezug

Wenn ich über entschlossene Entschlossenheit nachdenke, geht es oft um Disziplin und restlose Hingabe.

Darin steckt aber doch wieder der Blick auf mich selbst. Was mache ich noch falsch, wo bin ich schwach, was ist gelungen?

Es ist eine mentale Anstrengung, die Ressourcen kostet. Ich erachte es als nötig – aber es ist nur eine Seite der Hingabe. Die ebenso entscheidende Seite ist das Heranlassen des anderen an mich, in all seiner Not, die er hinter seinen Mauern verbirgt.

Der Stumme

Mir scheint, der Stumme ist auch ein Symbol.

Menschen werden stumm, weil niemand sie wirklich hören will.

Stumm von dem wirklich Inneren. Sie reden vielleicht viel und tun manches – aber ihr Innerstes ist so stumm, dass sie es selbst kaum noch hören, kaum noch kennen, vielleicht gar nicht mehr wahrnehmen.

Wo ich ganz zuhöre, Kontakt wage, Menschen in meinem Herzen Raum gebe – da fangen sie plötzlich an zu reden, auch aus ihrem Innersten. Jemand stand kürzlich von seiner Zeitung auf und schüttelte mir herzlich die Hand – nur weil ich seinen Rat in Autofragen ganz ernst angehört habe.

Erbarmen der Ohren heilt die Stummheit der Menschen.

Wunderbar.

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