Sa 04.07.2026
Mt 9:14-17 Vom Fasten
(Tägliches Evangelium)
Der Text
Übersetzung aus dem griechischen Urtext
14 Dann kommen die Jünger des Johannes zu Ihm und sagen: „Warum fasten wir und die Pharisäer oft, Deine Jünger aber fasten nicht?“
15 Und Jesus sprach zu ihnen: „Können etwa die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen weggenommen wird; dann werden sie fasten.
16 Niemand aber setzt einen Flicken aus ungewalktem Tuch auf ein altes Kleid; denn das Eingesetzte reißt vom Kleid ab, und der Riss wird schlimmer.
17 Auch füllt man nicht jungen Wein in alte Schläuche; sonst reißen die Schläuche, der Wein wird verschüttet, und die Schläuche gehen zugrunde. Sondern man füllt jungen Wein in neue Schläuche, und beide bleiben erhalten.
Peschitta
Eine kleine Besonderheit: Die syrische Tradition betont wie der griechische Text den Bräutigam als gegenwärtige Person. Der Schwerpunkt liegt weniger auf einer neuen religiösen Vorschrift als auf der Gegenwart des Messias. Solange der Bräutigam da ist, ist die angemessene Haltung Freude. Das Fasten erhält seinen Platz erst nach Seinem Weggang. Das passt gut zur jüdischen Hochzeitsvorstellung: Während der Hochzeitswoche wurde nicht gefastet, sondern gefeiert.
Auf dem Weg
Für mich ist dieser Text immer wieder schwer. Ich spüre, dass ich „nicht weiß“ und ganz auf dem Weg bin.
Gemeint ist nicht, dass wir Israel ablösen und alles neu machen sollen. Und doch: Ich soll nicht einfach die jüdischen Feste feiern; die Ordnungen des Bundes fallen in ein neues Licht.
Die Kirche hat sich zu sehr von Israel gelöst, sie ist mir nur eine schwache Hilfe in dieser Frage. Manche Israelfreunde sind zu sehr mit dem alten Kleid beschäftigt.
Aber beide brauche ich doch für den rechten Weg und erfinde keinen neuen.
Schweigen Gottes
Auch mit dem neuen Wein ist nicht jeder Tag Hochzeit.
Es ist nicht alles neu und alles anders.
Sondern es gibt Tage mit dem lebendigen Reden des Bräutigams – und Tage, an denen ich mit den Briefen zurechtkommen muss, die Er der Kirche geschrieben hat. Und die Kirche ist ebenso Israel, die Thora ist der erste Brief Christi.
Das meiste ist Thora. Ist befolgen dessen, was ich schon gelernt habe. Ist gehorsam der Tradition, den Ordnungen. Ist Vernunft und Kultur.
Aber dennoch ist es „nur“ das Haus. Das Haus Gottes auf Erden.
Der Hausherr
Und dann kommt der Hausherr.
Im Blick auf Ihn habe ich gepflegt, was Er mir zu pflegen und zu ordnen gab. Habe ich geputzt und bereitet und meine Aufgaben erfüllt.
In Seinem Namen, auf Seine Rechnung, als Sein Verwalter oder Knecht.
Ich verstehe die Symbole, die Geräte, die Ordnungen nur begrenzt. Erst mit Ihm ergeben sie ihren vollen Sinn.
Und ist Er da, tritt alles zurück im Glanz Seiner Majestät und alles untersteht der Freude und dem Wort des Gegenwärtigen.
Aber eben nicht ohne Ihn – in eigener Willkür. Ohne Ihn gilt es, den Mangel an Vollmacht und das Leid der Welt in Sehnsucht auf Deine Rückkehr zu tragen. Auf den Knien zu tragen.
Erleben
Gestern besprachen wir unsere Israelreise.
Für mich gibt es die beunruhigende Frage, ob ich schon so weit bin, eine kleine Gruppe ohne externe Hilfe zu führen.
Bin ich nicht.
Aber vielleicht willst Du mich und uns führen.
Ungeplant auf Deine Führung zu hoffen, halte ich jedoch für falsch. Ordnung und Verantwortung gebe ich nicht einfach an meinen gefühlten Glauben ab.
So taste ich, und auch die anderen, welcher der nächste Schritt ist. Sollen wir uns doch einer bestehenden Reise anschließen? Sollte ich erst noch weiter lernen, von einem anderen Reiseführer?
Wir handeln also in eigener Ordnung und Verantwortung und hoffen jederzeit auf die Führung Gottes. Auf das Wahrnehmen Seiner leisen Stimme.
Wir sind keine Marionetten Gottes, wir sind Freunde Gottes – Freunde dessen, der Herr ist, nicht Kollege.
Zurück zum neuen Anfang
Mir scheint, die Kirche soll in diesen Tagen ihre Wurzeln wieder entdecken und ehren.
Ohne ungewalktes Tuch auf ein altes Kleid zu flicken. Aber doch in heiligem Erschrecken, dass der Herr auch in alte Schläuche zurückkommt. Und dass der alte Wein vielleicht der bessere sein wird.
Wir sollten uns zeigen lassen, wie Tuch gewalkt wird, um dann brüderlich gemeinsam das Haus für die Hochzeit zu schmücken.
Mit neuem Wein – und dem kostbaren alten Wein.
Im Anhang füge ich eine schöne Erklärung der KI hinzu, was es mit dem Walken auf sich hat.
Anhang: Walken
(Quelle: ChatGPT)
Walken ist ein alter handwerklicher Vorgang, bei dem ein Gewebe – meist Wolle – verdichtet, geschrumpft und stabilisiert wird.
Genauer geschieht dabei Folgendes:
- Das frisch gewebte Tuch wird mit Wasser und oft auch Seife oder alkalischen Stoffen behandelt.
- Es wird kräftig gedrückt, gestampft, geknetet oder geschlagen.
- Dadurch verhaken sich die Wollfasern immer stärker miteinander.
- Das Gewebe wird kleiner, dichter, fester und reißfester.
Ein ungewalktes Tuch (griechisch: ἀγνάφος, agnaphos) hat diesen Prozess noch nicht durchlaufen. Es ist noch nicht vorgeschrumpft. Wird daraus ein Flicken auf ein altes Kleid genäht, passiert beim ersten Waschen oder Tragen Folgendes:
- Der neue Flicken schrumpft.
- Er zieht am alten Stoff.
- Dadurch wird der Riss nicht kleiner, sondern größer.
Darauf spielt Jesus an. Sein Bild ist also ganz praktisch und für jeden seiner Zuhörer unmittelbar nachvollziehbar.
Interessant ist außerdem: Jesus sagt nicht, dass das alte Kleid schlecht ist. Das Problem entsteht erst dadurch, dass man einen ungewalkten Flicken darauf näht. Ebenso sagt Er nicht, dass die alten Schläuche schlecht sind – sie sind nur für den jungen, noch gärenden Wein nicht mehr geeignet.
Das Gleichnis richtet sich daher weniger gegen das Alte als gegen den Versuch, das Neue Jesu einfach als Ergänzung zum Alten anzunähen, statt die durch Ihn eingetretene neue Situation zu erkennen. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied.
Vielen Dank für diesen nachdenklichen Beitrag. Besonders angesprochen hat mich das Bild vom Haus und dem Hausherrn. Das Gleichnis Jesu macht für mich deutlich: Wer von Gott lernen will, muss das Alte nicht verwerfen, um das Neue zu empfangen. Vielmehr gehört beides zusammen – die Treue zur Überlieferung und die Bereitschaft, sich von Gott neu ansprechen zu lassen. Gerade darin liegt die theologische Pointe: Gottes Wahrheit erschließt sich nicht im Bruch mit dem Judentum, sondern in der dankbaren Verwurzelung in ihm und in der offenen Weiterführung seines Zeugnisses. Deshalb gilt es, das Judentum weder abzuwerten noch zu vereinnahmen, sondern seine bleibende Bedeutung mit Respekt anzuerkennen. Glaube wächst dort, wo wir uns belehren lassen, kritisch prüfen, was trägt, und uns zugleich von Gottes Führung in die Wahrheit hineinführen lassen. Danke für diesen Impuls.
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