Fr 21.08.2026
Mt 22:34-40 – Die Frage nach dem höchsten Gebot
(Evangelium des Tages)
Der Text
Übersetzung aus dem griechischen Urtext
34 Als aber die Pharisäer hörten, dass Er die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, versammelten sie sich miteinander.
35 Und einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, fragte Ihn, um Ihn zu versuchen:
36 „Lehrer, welches Gebot ist groß im Gesetz?“
37 Er aber sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken.
38 Dies ist das große und erste Gebot.
39 Das zweite aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
40 An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“
Schriftbetrachtung
In Vers 37 zitiert Jesus das „Höre, Israel“:
Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer.
Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deinem ganzen Leben und mit deinem ganzen Vermögen.
Bei „Vermögen“ steht me’od מְאֹד; wörtlich: „Sehr“, d. h. mit allem, was dir zur Verfügung steht.
Jesus hat vermutlich Aramäisch gesprochen. Hier aber zitiert er das berühmte Schma Israel – ich vermute, in Hebräisch.
Es erinnert mich an ein Wort, das ich gerade betrachtet habe. בְּקָרוֹב (be-karov) – “bald”, “in Kürze”. Darin steckt karov, das auch nah bedeutet (z. B. „Verwandter“). Und aus der selben Wurzel auch das Wort „korban“, also das, was man zum Altar bringt. Jesus zitiert es im Zusammenhang mit dem Gebot, Eltern zu ehren.
Hierarchie
Noch ein dritter Punkt.
Wenn es ein besonders hervorgehobenes Gebot gibt, dann gibt es eine Hierarchie. Ein mehr oder weniger. Ein Sammeln der Kraft, des Vermögens auf besonders Eines.
Die beiden Wortbetrachtungen dazu genommen sehe ich eine Dynamik hin zu einem Zentrum, hin zu Gott, meinem Vater.
Immer mehr Lebensbereiche, Gedanken, Kraft, Zeiten richten sich aus auf Gott. Nicht einfach „Gott lieben“, sondern Ihn immer mehr und mehr lieben.
Mein je „mehr“ gehört Gott.
Verleiblichung
Der Vollzug der Gottesliebe geschieht in erster Linie am anderen.
Gerade seitdem Gott in Jesus Mensch wurde, ist klar, dass der leibliche, konkrete Mensch das Herz Gottes ist.
Wenn ich Gott liebe, dann so, wie Gott Seinen menschgewordenen Sohn liebt. Und wie der Sohn die Menschen liebt, die aus der Hand des Vaters sind.
Und zwar ist diese Liebe der Gottesliebe gleich.
Der Nächste
Wen es zu lieben gilt, bestimme nicht ich.
Gott stellt mich in Raum und Zeit, und der Nächste ist der, dem ich von ihm aus der Nächste bin.
Ich betone: Ich wähle meinen Nächsten nicht – er wählt mich.
Es ist zuerst der Ehepartner, die Eltern, die Kinder, die Familie.
Und dann den, den Gott mir vor die Füße legt.
Und es ist nicht ein Akzeptieren oder Ertragen – es ist mehr.
„Nimm von der Liebe, die du Mir (Gott) schuldest, und gib sie jenem.“
Oder schlichter: Nimm die Liebe, die du für dich selbst immer schon hast, und richte sie auf den Menschen, der dich anschaut.
Konkret
Ein Bruder aus meiner Bruderschaft hatte sich immer mehr zurückgezogen. Es gab verschiedene Gründe – aber der wichtigste war die Pflege seiner schwer kranken Frau. Mehr und mehr verausgabte er seine Kraft für sie. Nach Jahren starb sie. Er aber hatte sich so verausgabt, dass er nicht mehr recht ins Leben zurückfand und bald darauf auch starb.
Und ich habe es ganz nah in meiner Familie. Die substanzverzehrende Verausgabung meiner Tochter für ihre kranke Tochter. Und nicht nur da.
Verbraucht, verliert sie ihr Leben?
Es scheint zunächst so – aber es ist nicht so.
Ihre Liebe wird in Gottes Augen nie vergeblich sein. Ihr Korban ist nicht allein „Opfer“ in unserem Sinne, ein Verlust.
Sondern es ist Annäherung an Gott.
Nicht schnell, nicht im Alltag, nicht als billiger Trost.
Aber hinter einem Schleier verborgen in der Hoffnung und meinem Glauben.