Mo 21.09.2026 Jom Kippur
Mt 9:9-13 – Die Berufung des Matthäus
(Evangelium des Tages)
Der Text
Übersetzung aus dem griechischen Urtext
9 Und als Jesus von dort weiterging, sah Er einen Menschen namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge Mir! Und er stand auf und folgte Ihm.
10 Und es geschah, als Er im Haus zu Tisch lag, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und lagen mit Jesus und Seinen Jüngern zu Tisch.
11 Und als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu Seinen Jüngern: Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern?
12 Als Er es hörte, sagte Er: Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken.
13 Geht aber hin und lernt, was es bedeutet: Barmherzigkeit will Ich und nicht Opfer. Denn Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.
Hos 6:6
„Denn an חֶסֶד (Chesed) habe Ich Gefallen und nicht am Schlachtopfer, und an Erkenntnis Gottes mehr als an Brandopfern.“
Chesed
Das Wort חֶסֶד bedeutet zuerst Barmherzigkeit, aber es umfasst auch Güte, Treue, Verbundenheit und loyale Zuwendung.
Dazu gehört תְּשׁוּבָה Teschuvá, die Umkehr.
Darauf antwortet das Wort כַּפָּרָה Kapará.
Von daher hat der Tag heute seinen Namen: Tag der Entsühnung, יוֹם כִּפּוּר (Jom Kippur).
Wie hängt nun die Berufung des Levi und das Zöllnermahl in seinem Haus damit zusammen?
Heilung des Gelähmten
In allen drei synoptischen Evangelien steht vor der Berufung des Levi die Geschichte von der Heilung des gelähmten Mannes, der durch Freunde zu Jesus gebracht wird. In einem übertragenen Sinn ist Levi dieser Mann. Denn: auch Levi steht auf.
Ein gemeinsames Festmahl zu feiern, ist das Gegenteil von Gelähmt-sein. Die Vergebung der Sünden, die an dem Gelähmten geschehen ist, macht frei zum Leben, frei zur Nachfolge, frei, Barmherzigkeit zu empfangen.
Buß- und Bettag
1995 ist in fast ganz Deutschland der Buß- und Bettag als gesetzlicher Feiertag abgeschafft worden. Das „kleine Jom Kippur“ der Deutschen wurde für den Arbeitgeberanteil an der gesetzlichen Pflegeversicherung geopfert. Aber war nicht der Buß- und Bettag schon lange ein gelähmter Mann auf einer Bahre?
Der damals vorhandene Widerstand gegen die Abschaffung dieses Tages hatte kaum oder gar keine inhaltliche Argumentation.
Deutschland hat nicht das Gefühl, es müsse Buße tun.
Buße für das Volk
Als Seelsorger weiß ich, dass das Bewusstsein von Schuld zumeist über Übertragungsfunktionen auf andere Menschen projiziert wird. Und wenn es um eigene Schuld geht, dann zumeist mit der Begründung, dass man ja eigentlich selbst Opfer sei und darum gar nicht anders könnte.
Aber heute liegt mir etwas anderes auf dem Herzen:
Ich als Deutscher bin mitverantwortlich für das, was mein Volk tut. Auf dem Marsch für das Leben am Samstag habe ich mich daran erinnert, wie wenig bußfertig unser Volk ist.
Ich schaue mit innerer Bewegung auf die Verbundenheit des jüdischen Volkes mit dem großen Bußtag יוֹם כִּפּוּר.
74 % der erwachsenen Juden in Israel fasten an Jom Kippur mindestens teilweise, 63 % vollständig. Selbst unter den säkularen Juden fastet fast die Hälfte teilweise und etwa 28 % vollständig.
Schaue ich noch genauer hin, sehe ich eine tiefe innere Verbundenheit des Volkes mit dieser Ordnung ihres Gottes.
Levi
Nur bei Matthäus steht als Name des Zöllners Matthäus. Bei Markus und Lukas steht jeweils Levi.
Die Bedeutung der Leviten hängt mit ihrer Stellvertreterschaft, mit ihrer Aussonderung zusammen. Sie sind „an Erstlinge statt“, die, die schon immer Gott gehören.
Bevor ein Volk Buße tut, ruft Gott Einzelne heraus, die sich berufen lassen, umkehren und Buße tun. Ich brauche nicht auf Deutschland zu warten. Ich kann als Deutscher auf mich schauen und meine Stellvertreterschaft annehmen, sofern ich mich als Gerufener erkenne.
Und noch bevor ich mich für Deutschland berufen lasse, bin ich immer schon berufen für meine Kirche. Der griechische Name Matthäus geht auf die hebräische Urform מַתִּתְיָהוּ (Mattitjáhu) zurück. Gabe, Geschenk Gottes.
Geschenk Gottes an Sein Volk.
Hintergrund dieser Andacht ist mein Erleben auf dem Marsch für das Leben in Berlin am Samstag. Es ist, als wenn weniger ich für das Leben auf die Straße gegangen bin, als dass vielmehr Gott für das Leben in meinem Herzen „auf die Straße“ gegangen ist. In den Jahren, seitdem ich dorthin gehe, habe ich immer mehr das Gefühl gehabt, dass die 4.000 Teilnehmer im Verhältnis zur Bedeutung des Themas fast lächerlich wirken. Das ist ein lähmender Gedanke. Und ich spüre meine Lähmung auch. Meine Ohnmacht.
Aber doch scheint es mir möglich, dass Gott selbst für mich einen Platz findet. Sei es, dass ich mich als Gelähmter zu Jesus tragen lasse, sei es, dass ich selbst ein Tragender bin, der Gelähmte zu Jesu Füßen trägt. Es ist immer möglich, und ich will es immer erwarten, selbst aus dem Zollhäuschen heraus berufen zu werden.