Welche Berufung habe ich?

Mi 28.10.2026

Lukas 6:12-19 – Die Wahl der Zwölf und die Heilungen

Der Text

Übersetzung aus dem Urtext.

12 Es geschah aber in diesen Tagen, dass Er hinausging auf den Berg, um zu beten; und Er verbrachte die Nacht im Gebet zu Gott.

13 Und als es Tag wurde, rief Er Seine Jünger herbei und erwählte aus ihnen zwölf, die Er auch Apostel nannte:

14 Simon, den Er auch Petrus nannte, und Andreas, seinen Bruder, und Jakobus und Johannes und Philippus und Bartholomäus 15 und Matthäus und Thomas und Jakobus, den Sohn des Alphäus, und Simon, genannt der Zelot, 16 und Judas, den Sohn des Jakobus, und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde.

17 Und Er stieg mit ihnen hinab und trat auf einen ebenen Platz; und eine große Menge Seiner Jünger und eine große Menge des Volkes aus ganz Judäa und Jerusalem und von der Küste von Tyrus und Sidon, 18 die gekommen waren, Ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden. Und die von unreinen Geistern Bedrängten wurden geheilt.

19 Und die ganze Menge suchte Ihn zu berühren, denn Kraft ging von Ihm aus und heilte alle.

Zurückstellung

Jesus ruft die Jünger herbei, und er wählt aus ihnen zwölf. Gedanklich ist es das Gleiche, als wenn er alle anderen abwählt.

Gibt es die Freude einer Erwählung, so gibt es auch das merkwürdige Gefühl, dass jemand anders zurückgestellt ist, nicht erwählt ist.

Es fühlt sich ungerecht an, und manche Menschen ziehen daraus die Schlussfolgerung, dass es keine Erwählung geben kann – darf.

Je länger ich als Logotherapeut arbeite und je ernster ich die Würde des Menschen nehme, desto bedeutsamer wird dieses Thema.

Wozu bin ich da?

Ich habe schon Rabi Manis Friedmann erwähnt, der sagt:

„Menschen brauchen es noch mehr, gebraucht zu werden, als geliebt zu werden.“

Eine Berufung, zum Beispiel als Apostel, offenbart ein Gebrauchtwerden. Ein Gewollt-Sein ist vielleicht der schönere Begriff.

Das Begriffspaar „gewollt sein“/„gebraucht sein“ offenbart, dass es nicht um Selbstverwirklichung geht. Wenn ich etwas will oder mir etwas ausdenke, von dem ich glaube, dass es großartig ist, ist damit überhaupt nicht klar, ob es gebraucht oder gewollt ist.

Ich kann mir meinen Lebenssinn nicht selbst geben. Selbst die Vorfindlichkeit einer Begabung bedeutet noch nicht, dass es auch eine Beauftragung ist.

Bruderschaft

In unserer Bruderschaft bin ich vor einigen Jahren in das Kapitel berufen worden. Man kann sich um solch eine Berufung nicht bewerben oder sich wählen lassen, sondern sie wird in der Regel ohne Absprache vom leitenden Bruder in dem Moment ausgesprochen, wo sie auch vollzogen wird. Man kann solch eine Berufung nicht einmal ablehnen.

Auch die Apostel sind scheinbar aus dem Nichts berufen worden und auch nicht gefragt worden.

Solch eine Berufung in das Kapitel ist mit Arbeit und Mühen verbunden. Häufig erwarten die anderen Brüder mehr, als das Kapitel leisten kann.

Es gibt immer wieder die Versuchung, Verantwortung vom Kapitel aus auf die Brüderschaft zu legen. Ich sehe aber nicht, dass das im Wesentlichen der richtige Weg ist.

Wohin soll ich wachsen?

Leben ist nicht nur durch Bewegung gekennzeichnet, sondern auch durch Wachstum. Und ich sage, es ist kein Wachstum im Sinne einer Entfaltung, sondern im Sinne eines Bereitwerdens, ein wahrhaftes Gegenüber zu werden.

Der andere muss erkennen können, was er da eigentlich will, wenn er mich will.

Das habe ich schon öfter formuliert, heute möchte ich etwas praktischer werden.

Anerkennung

Ein Apostel kann nur rechter Apostel sein, wenn es Menschen gibt, die auf seine Botschaft hören, sie annehmen und verwirklichen.

Nicht nur die Verwirklichung oder Entfaltung einer Person spielt eine Rolle, sondern vielmehr der Zusammenhang, in den ich gestellt bin.

Und da kann ich unmittelbar aktiv werden, indem ich die Ordnung, in die ich gestellt bin, ausfülle. Zum Beispiel in der Annahme von Weisung durch jemanden, den Gott dafür eingesetzt hat.

Die Ehre, Wirksamkeit und Vollendung des Apostels geschehen durch meine Annahme seines Dienstes an mir. So auch in der übrigen Ordnung, in die ich gestellt bin.

In Israel habe ich erlebt und gelernt: Die Annahme der Berufung eines Volkes zur Verbindung mit dem Land führt zu einem Dienst und Beitrag einer Gemeinschaft, die das Leben überaus sinnvoll macht. Entscheidend ist weniger der Erfolg, als vielmehr die Einnahme des Ortes, an den ich gehöre. Auch wenn es zunächst befremdlich erscheinen mag, geht es tatsächlich auch um einen Ort, um ein Stück Land – nicht nur um den übertragenen Wortsinn.

Vorbereitung

Gestern habe ich in der Tora die Funktion der Tür bedacht, die in der Geschichte mit Lot, den Engeln und der Stadt Sodom eine Rolle spielt. Ich identifiziere die Tür mit dem freien Willen.

Am Ende ergreifen die Engel Lot und ziehen ihn durch die Tür in das Haus.

Lot war ein Mann, der mit Abraham gekommen ist und noch Eigenschaften aus dem Hause Abraham hatte und somit die Engel erkannt und sie respektvoll und würdevoll aufgenommen hat. Und so wurde sein schon geschehener Dienst an der Wahrheit, an der Tora, ihm in dem Augenblick zur Hilfe, als sein eigener Wille schwach wurde.

Die Bereitung des Herzens anhand dessen, was Tora und Gehorsam mir geben, bereitet mich für einen Einsatz vor, der mich ansonsten überfordern würde.

Eine solche Vorbereitung ist nicht eine Art Waffenschrank, der mir im Notfall zur Verfügung steht. Sondern es ist eine Beziehung, die mich zu einem Freund werden lässt für den, der mich retten kann und der mir hilft, wenn ich mir selbst nicht mehr helfen kann.

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