Do, 05.11.2026
Lk 15:1-10 – Das verlorene Schaf und die verlorene Drachme
Der Text
Übersetzung aus dem griechischen Urtext.
1 Es näherten sich Ihm aber alle Zöllner und Sünder, um Ihn zu hören. 2 Und sowohl die Pharisäer als auch die Schriftgelehrten murrten und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.
3 Er aber sagte zu ihnen dieses Gleichnis: 4 Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat und eines von ihnen verliert, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? 5 Und wenn er es gefunden hat, legt er es voller Freude auf seine Schultern. 6 Und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.
7 Ich sage euch: So wird im Himmel mehr Freude sein über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.
8 Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat und eine Drachme verliert, zündet nicht eine Lampe an, fegt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie sie findet? 9 Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte.
10 So, sage Ich euch, entsteht Freude vor den Engeln Gottes über einen einzigen Sünder, der umkehrt.
Dom in der Stadt Brandenburg
Die Kirchen in der Stadt Brandenburg sind tagsüber geöffnet. Ehrenamtliche Helfer stehen Besuchern bereit und helfen, dass die Kirchen offen sein können.
In einem Gespräch mit einer dieser Frauen ging es um das geistliche Gemeindeleben. Wir waren gerade im Dom.
Sie sprach von sehr wenigen Menschen in den noch stattfindenden Gottesdiensten. Viele davon seien auch noch aus dem Westen zugezogene. Die DDR hätte das kirchliche Leben doch fast vollständig zerstört. Aus ihrer Perspektive ist es im Westen dagegen doch ganz gut.
In einer anderen Kirche sprach ich auch mit jemandem von den Ehrenamtlichen. Er wusste praktisch nichts über die Kirche und wendete sich nach meiner Frage gleich wieder seinem Spiel auf dem Handy zu.
Geistliches Leben ist zumeist nur noch historische Kultur. Kirchen dienen der Erinnerung und dem Tourismus.
Gleichzeitig überschwemmt der Islam und der Islamismus große Teile des Abendlandes. Der Judenhass erhebt wieder sein Haupt, wie vor etwa 100 Jahren auch.
Aber warum schreibe ich das?
Sinn
Wer nicht weiß, wofür er lebt, dem ist schnell jedes Leben ein Mangel oder ein Überdruss.
Und dieser, so scheint mir, ist dann wie ein verlorenes Schaf. Aus Gottes Sicht ein verloren gegangener, kostbarer Wert.
Das Leiden am Sinnlosen Leben ist überaus mächtig und grässlich.
Und das gilt nicht nur für Personen – es gilt auch für ein Volk, für „den Westen“.
Ein Volk ohne Auftrag, ohne einen besonderen Sinn, rennt umher wie ein kopfloses Huhn.
Es spürt, dass es kaum noch ein Recht hat, seine Existenz mit Klarheit und Energie zu behaupten.
Mir scheint, die Menschen dieser Zeit sind nicht weit von dem Chaos der Weimarer Zeit entfernt, dem Nährboden dunkler Mächte wie dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus seiner Zeit.
Weil sie nicht mehr Sinn und Auftrag erkennen können.
Wie ein verlorenes Schaf versteigen sie sich im Gebirge oder verlaufen sich in der Wüste.
Absonderung?
Viele Christen leben ebenso als verlorene Schafe, allerdings mit einem Band um den Hals, auf dem „gerettet“ steht.
Sie wissen von einem Hirten, sind aber vereinzelt oder mit anderen ohne rechten Auftrag unterwegs.
Ich denke: Die Herde Jesu, das sind nicht nur Leute in einer Gemeinde. Es ist zumindest die Kirche. Die ganze Kirche aller Konfessionen.
Aber doch auch das Volk, in dem ich gerade lebe. Bei mir: Deutschland.
Als Volk haben wir einen Auftrag, der unverzichtbarer Beitrag für die Welt ist. Nicht zuerst zur Bekehrung der Welt, sondern zu einem Dienst. Nicht in heiliger Absonderung, sondern in Berührung bringen des Heiligen mit dem Bedürftigen.
In Israel bin ich daran erinnert worden. Ich habe erlebt, wie ein Volk leben kann, das recht gut weiß, dass es als Volk eine Aufgabe an der Welt hat. Nicht für sich und nicht als Mission zur Bekehrung zu sich selbst hin.
Sondern zur Ehre Gottes.
Schmerz
Ich will den Schmerz des sinnlosen Lebens der Menschen um mich an mich heranlassen. Denn damit werde ich zu einem Bewohner des Himmels. Die Freude der Heimkehr eines Schafes ist das Gegenstück des Schmerzes um dessen Verirrung.
Ich werde nicht dadurch Gott ähnlicher, dass ich mich selbst perfektioniere. Sondern die schmerzhafte Not des anderen an mich heranlasse, die aus seiner Sinnlosigkeit erwächst.
Die Verlorenheit des Anderen, ebenso wie die Gefährdung der Zeit, ist nicht einfach ein Problem, vor dem ich mich nur schützen muss.
Ich rette die Welt nicht – aber ich bringe Gott in mir in sie hinein.